Von Gisela Schlientz
Isolde
Kurz war blond. Im Florenz des Fin de Siècle erregte ihre „lichte Erscheinung”
Aufsehen: „Mein germanisches Blond und daß ich als junges Mädchen ganz allein
ausging, gab immer neuen Anlaß zum Staunen. Der Deutsche war zu jener Zeit in
Italien hochgeehrt. Es berührte mich eigen, wie der greise Dichter und
Schiller-Übersetzer Maffei, eine hohe, schlanke, stadtkundige Gestalt mit
wallendem Bart und Haar, wo er mir begegnete, stehenblieb und, ohne mich
persönlich zu kennen, den Hut lächelnd bis zur Erde zog: Ich verstand, daß er
in der jungen Fremden dem Genius Deutschlands huldigen wollte.” Das Zitat wurde
von der Autorin ihren 1910 erschienenen Florentinischen Erinnerungen in
der Neuauflage von 1919 eingefügt, also unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg,
in dem sich Deutsche und Italiener als Feinde gegenübergestanden hatten.
Die Wahl-Florentinerin, die immer zwischen den Kulturen von Nord und Süd
vermittelt hatte, war zwischen die Fronten geraten. Der Einschub in ihren schon
vor dem Krieg entstandenen, kulturhistorischen Essay über die „stille Königin”,
die Stadt am Arno, zeigt beides: die neue, durch den nationalen Taumel von 1914
bestärkte Vergewisserung der eigenen Art und die nostalgische Beschwörung
besserer Zeiten, in denen Deutschland in Italien noch hoch im Ansehen stand.
Die kleine Anekdote wirft ein Schlaglicht auf die populäre Semiotik
einer Völkerpsychologie, deren Unverwüstlichkeit sich auch im Sommer 2003
bestätigt hat, in den Auslassungen eines italienischen Staatssekretärs für
Tourismus über die „uniformen Blonden”, die lärmend über Italien herfielen. Das
Klischee dient der Wahrheit als Maske, oder umgekehrt, es kommt im Kostüm der
Wahrheit daher. Dabei können die stereotypen Repräsentationen positiv oder
negativ aufgeladen sein. Einmal ist das blonde Haupthaar Signal für eine
Huldigung, im anderen Falle markiert es die unsympathischen Teutonen.
Die historische Unbeliebtheit der Deutschen in Italien haben zwei Weltkriege
und die brutale
Besatzungsherrschaft der Deutschen in den Jahren von 1943 bis 1945 zweifellos
verstärkt. Dennoch ist bemerkenswert, wie hartnäckig auch im vereinten Europa
solche kollektiven Deutungsmuster die gegenseitige Wahrnehmung bestimmen, wie
sie aus nichtigem Anlaß plötzlich zutage treten.
Isolde Kurz versuchte sie
zu erklären in einem Vortrag über „Deutsche und Italiener”, den sie 1919,
unmittelbar nach dem Krieg, im Stuttgarter Verein für Handelsgeographie
gehalten hat. Obgleich sie mit „dem” Deutschen und „dem” Italiener das
Stereotyp bedient, war ihr Auge geschärft durch das eigene Erleben. Ihre
Analyse gerät deshalb differenziert, sie sieht die Deutschen aus der Distanz
zum „Vaterland”, die Italiener aus der Nähe unmittelbarer Anschauung. Dabei
fällt auf, daß sich vieles, was Kurz geltend macht, so oder ähnlich, mit
anderen Worten, in den öffentlichen Kommentaren wieder findet, die nach den
atmosphärischen Störungen des vergangenen Sommers zwischen Deutschland und
Italien zu lesen waren.
Nach dem Tod ihres Vaters, des
Schriftstellers Hermann Kurz, zog Isolde Kurz aus der Enge der schwäbischen
Provinz mit der Mutter und den Brüdern nach Florenz, wo der Älteste 1877 eine
bald florierende Fremdenpraxis eröffnete: „Italien war damals das freieste Land
der Erde, und das galt meiner Mutter noch mehr als die immerstrahlende Sonne
und die ewigen Werke der Kunst. Vielen Freiheitssuchenden, die mit der Heimat
zerfallen waren, hatte Italien den Luftraum geboten, wo sie nach ihrem Herzen
leben konnten.“ (Dies schrieb sie in ihrem Buch Meine Mutter über Marie
Kurz geb. von Brunnow.)
Mehr als drei Jahrzehnte lebte Isolde Kurz
in der „Stadt des Lebens”, in einem Kreis von Künstlern, Gelehrten und
Schriftstellern. Im geistigen Klima der „Schönen im Olivenkranz” wurde sie zur
Schriftstellerin, trieb aus dem historischen Plasma der Stadt die Gestalten
ihrer Novellen und Erzählungen heraus, die Porträts der Renaissancefürsten und
der bezwingenden Frauen an ihrer Seite. Die Chronistin der deutschen
Künstlerkolonie erlebt Florenz als lieu de mémoire, wo die Lebenden und die
Toten gleichberechtigt Bürgerrecht genießen.
Erst mit dem Verlust
der beiden Brüder, nach 1905, verschob sich der Lebensmittelpunkt der Dichterin
langsam nordwärts, in den schwierigen Jahren, in denen sie mit ihrer
hochbetagten Mutter zwischen den Gräbern in Italien und dem letzten der Söhne,
dem in München lebenden Bildhauer Erwin Kurz, hin und her irrte. Heimat hatte
sie im Plural wahrgenommen, Nation immer im Singular. Nach dem Tod der Mutter
1911 vollzog Isolde Kurz eine vaterländische Rückbesinnung, die im Ersten
Weltkrieg hypertrophierte. Die Entscheidung Italiens für den Kriegseintritt auf
Seiten des Gegners traf sie wie eine persönliche Verletzung, obgleich sie lange
schon bemerkt hatte, dass sich ein Stimmungsumschlag anbahnte, von dem zu ihrer
Verwunderung im Reich niemand Notiz nahm. Wie die meisten deutschen
Schriftsteller verfasste sie patriotische Kriegsgedichte, die ihr eine
unerwartete Popularität eintrugen. Eines, das einzige, das sie später in ihre
Gesammelten Werke übernimmt, widmet sie dem italienischen Arzt Carlo
Vanzetti, dem Freund und Vertrauten der Familie, der nun auf der anderen Seite
der Front steht:
”Wir Feinde? Nimmermehr! Was auch geschehe.
Nie, nie verlernt's die Seele, dich zu lieben.”
Mit dieser Doppelzeile
beginnt das Gedicht „Jenseits des Blutstroms”, das ihr konfisziertes Sommerhaus
am Meer in Forte dei Marmi besingt, welches der Freund jetzt hütet:
„Mein
Haus! Mein Haus am Meer! Auch heute türmen
Die Marmoralpen schimmernde
Kastelle
In deinem Rücken auf und draußen breitet
Sich tiefblau,
endlos die Tyrrhenerwelle.
Du träumst den Segeln nach, die ferne
streichen
Und an den Zauberinseln hängt dein Blick,
Die mein Erinnern
Tag und Nacht umflügelt.”
Isolde Kurz hatte es, neben vielen
anderen, auch dem Sozialisten Heinrich Braun zu verdanken, dass sie ihr Haus
1924 zurückerhielt. Er hatte sich direkt an Mussolini gewandt, obgleich ihm
dessen Politik verhasst war, und hatte ihn gedrängt, „einer deutschen
Dichterin, deren Werke dieses Land verherrlicht haben”, Gerechtigkeit zu
erweisen. (So berichtet Julia Braun-Vogelstein in ihrem Buch Heinrich Braun.
Ein Leben für den Sozialismus.)
Auch wenn die Dichterin nun in
München wohnte, blieb das Haus an der toskanischen Küste der meridionale
Ankerplatz der Seele. Italien und die Mediceer-Stadt dienten ihr noch immer als
Thesaurus, aus dem sie im folgenden Jahrzehnt, im Alter von mehr als siebzig
Jahren, die Stoffe für eine Vielzahl ihrer schönsten Texte wählt: Den
Renaissance-Roman Nächte von Fondi (1922), die rätselhafte Geschichte
Solleone (1928), den Erzählband Die Stunde des Unsichtbaren
(1927) und den Novellen-Zyklus Die Nacht im Teppichsaal (1933). Auch
ihr viel gelesenes, gerühmtes Hauptwerk, der Roman Vanadis (1931), und
ihre späte Lebensrückschau, Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen
(1938), sind Dokumente ihrer Verbundenheit mit den beiden Ländern, deren
Konflikte in heilloser Zeit, als Gegner oder Verbündete, sie immer auch mit
sich selbst ausgetragen hat.
Gisela Schlientz lebt als
Literaturwissenschaftlerin in Stuttgart. Buch- und Aufsatzpublikationen über
französische und deutsche Schriftstellerinen des 18. und 19. Jahrhunderts mit
dem Schwerpunkt George Sand.
Im November erscheint der von ihr
herausgegebene Band:
Isolde Kurz, Ein Splitter vom Paradies.
Erinnerungen und Erzählungen aus dem Florenz der Jahrhundertswende
Hohenheim Verlag, Stuttgart. 270 Seiten, 19,90 Euro.
Am 30. November
hält sie in der Stadtbücherei im Wilhelmspalais einen Vortrag über „Isolde
Kurz: vergessene Autorin, vergessenes Werk“. An die 150. Wiederkehr des
Geburtstages von Isolde Kurz erinnern eine Marbacher Kabinett-Ausstellung sowie
zahlreiche Veranstaltungen an ihren Lebensorten Esslingen, Kirchheim,
Reutlingen, Stuttgart und Tübingen.
Außerdem erscheint: Isolde Kurz,
Der Aktiengarten und andere Erzählungen. Jürgen Schweier Verlag,
Kirchheim / Teck. 136 Seiten, 14,80 Euro
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Isolde
Kurz: Deutsche und Italiener
Wer daheim auf seiner Scholle
sitzt, hält das eigene Wesen für das gegebene und einzig mögliche und nimmt es
zum Maßstab für alle anderen. Daß jene völlig anders geartet sind und sich
gleichfalls für das Maß der Dinge ansehen, pflegt er nicht zu bedenken. Und vor
allem fragt er sich nicht, wie sein ihm so selbstverständliches Wesen denn nach
außen wirkt, wie er selbst in den Augen der anderen erscheine. [...]
Nach der Eröffnung der Gotthardbahn wuchs der jährliche Wanderschwarm über
die Alpen gewaltig an. Der Deutsche war wohlhabend geworden, er gab Geld aus,
trat geräuschvoll auf und war auch jetzt noch schlecht angezogen. Denn auf das
Äußere hielt er noch immer nichts. Er fühlt sich eben bei seiner unpersönlichen
Sachlichkeit wohin er geht als Zuschauer auf der Lebensbühne, wogegen der
Romane immer und überall der Darsteller ist, der sein Auftreten danach richtet
und die wohlgefälligen Blicke erntet. Dieser vergißt auch nie, daß jeder
Volksangehörige in der Fremde die eigene Nationalität vertritt und die Züge
dieses seines Volkstums für das Auge der anderen modeln hilft. Diesen letzteren
Umstand bedachte der reisende Durchschnittsdeutsche viel zu wenig, oder er ist
ihm gleichgültig gewesen. Er kam gerne mit Kniehose, Nagelschuhen und Rucksack,
wie er in den Alpen herumgestiegen war, die deutsche Frau im Lodenrock oder,
wenn sie Künstlerin war, im wunderlichen, schlecht sitzenden Reformkleid und
gleichfalls mit dem Rucksack, und so spazierten sie jahraus, jahrein über die
Fliesen des vornehmsten Festsaals der Welt, der die Piazza San Marco heißt, so
stiegen sie die stolzen Marmortreppen des Pitti hinan. Sie waren trunken von
der Schönheit, die ihnen aufging, und vergaßen, daß sie selber aus dem Rahmen
dieser Schönheit fielen und durch ihren Anblick die Harmonie störten. [...]
Ein deutscher Typus hat vor allem in den letzten Jahrzehnten böses Blut
gemacht. Er trat schneidig auf als Angehöriger eines Herrenvolks, dessen
Herrentum aber noch viel zu neu war, um so leicht verziehen zu werden. [...]
Besagter Landsmann, der nicht immer ein Berliner war, vermißte in dem
fremden Land auf Schritt und Tritt die geordneten Einrichtungen des eigenen und
gab seiner Unzufriedenheit rückhaltlosen Ausdruck. Der Italiener übt selbst
laut die schärfste Kritik an den Mißständen seiner Verwaltung, aber den Tadel,
den man selber ausspricht, mag man doch aus fremden Munde nicht hören. [...]
Es ist auch ein Mißgriff, die geschmeidige Höflichkeit des gemeinen
Mannes durchweg für bloße Kriecherei vor dem Trinkgeld zu halten. Diese
Geschmeidigkeit ist bewußte Kulturform, hinter der sich sogar gelegentlicher
Spott verstecken kann. Es ist so vieles doppelsinnig in der Rede der
Italiener.
(Auszüge aus: Deutsche und Italiener, erschienen
in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart 1919; der gesamte Vortrag ist in
dem Lesebuch von Gisela Schlientz abgedruckt)