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Partnerschaft
Kilchberg
Die liebenswerteste Gemeinde
Partnerschaft seit 1956
Südwestpresse
1981
Der „Stifter" der Kilchberger Partnerschaft Jochen Mohr (vorne, zweiter von
links) mit denen, die sie seinerzeit aufnahmen und heute weiterführen
(von links): Altbürgermeister Richard Henne, Oberbürgermeister Dr.
Eugen Schmid, Ortsvorsteher Erich Krauß, Gemeindepräsident a. D.
Dr.Bruno Herzer und Gemeindepräsident Hans Gräub.
ST-Bild
Die Schatten sind verschwunden:
Die Partnerschaft ist besiegelt
Schweizer und schwäbische Kilchberger bauen 25jährige Kontakte
weiter
aus
„Fünfundzwanzig Jahre sind eine für
schwäbisch-alemannische Verhältnisse
gediegene Verlobungszeit. Da Ehen, denen eine Verlobung vorausging,
länger
halten als andere, können wir auch aus diesem Grund einer dauerhaften
Partnerschaft sicher sein", sagte Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid am
Samstag nachmittag im Conrad-Ferdinand-MeyerHaus zu Kilchberg am
Zürichsee,
ehe er, Gemeindepräsident Hans Gräub und Ortsvorsteher Erich
Krauß ihre
Unterschriften unter die Partnerschafts-Urkunden setzten. Daß die
Kilchberger
aus dem Land der Eidgenossen ein Vierteljahrhundert verstreichen
ließen, ehe
sie die einst spontan geknüpften Kontakte mit den Kilchbergern aus dem
Neckartal feierlich besiegelten, liegt nach den Worten von Hans Gräub
auch in
der vor zehn Jahren erfolgten Eingliederung Kilchbergs nach Tübingen
begründet.
Gut vier Wochen vor dem 25. Jahrestag, an dem ein Schweizer Kilchberger
offiziell im Dorf am Rarmmertrand vorsprach, und 25 Jahre, fünf Monate
und
fünf Tage nach Absendung jenes (Wahl-) Briefes durch Jochen Mohr „an das
Bürgermeisteramt KiLchberg am Zürichsee", der den Schweizern
kundtat, daß es
da im Schwäbischen einen Ort gleichen Namens gibt, reiste - nach einer
Pause
von zehn Jahren - wieder eine offizielle Delegation aus dem
tübingerischen
Kilchberg an den Zürichsee:
Ortsvorsteher und Ortschaftsräte, begleitet von Oberbürgermeister
Dr. Eugen
Schmid, SPD-Gemeinderat Erwin Geist (die CDU war durch Gemeinde- und
Ortschaftsrat Horst Kunz vertreten, die UFW schaffte es nicht, ein
Gemeinderatsmitglied mitzuschicken), Altbürgermeister Richard Henne und
den einstigen Ortsvorsteher Wolfgang Durka sowie den Vorsitzenden der
Vereine, (die Vizepräsidentin der Uniwensität Tübingen,
Professor Dr. Hanna
Weischedel kam am Samstag nach). Man fuhr (gemeinsam) zweieinhalb
unvergeßlichen Tagen, die von Schweizer Gastliichkeit,
Großzügigkeit und
Gemütlichkeit geprägt waren, entgegen.
Nach der herzlichen (und doch nicht alles gleich umarmenden)
Begrüßung -
zunächst, an der Autobahnraststätte Kemtthal, dann nach der kurzen
Seefahrt
von Zürich bis Bendlikon in Kilchberg selbst - fanden sich die beiden
Delegationen (auf Schweizer Seite waren's Gemeinderäte und
Vereinspräsidenten samt Gemeindepräsident a. D. Dr. Bruno Herzer
und
Gemeinderatsschreiber a. D. Walter Hauser) zum ersten Meinungsaustausch
zusammen; er währte dem Vernehmen nach bis tief in die Nacht. Am
frühen
Samstag morgen führte Gemeindepräsident Gräub die Gäste
aus dem
Schwabenland durch „sein" Kilchberg, zeigte ihnen das 7000 Einwohner
zählende Dorf im Dunstkreis der Weltstadt Zürich zuerst vom See
aus.
Spätestens beim Mittagessen im Gutsbetrieb „Uf Stokken" wurde auch den
Neulingen (und das waren die Tübinger) klar, mit welch gutsituierter
Kommune
man es zu tun hat: Um das landwirtschaftliche Anwesen (Schweinezucht,
Hühner-Intensiv-Bodenhaltung und Großviehzucht) vor einer
Überbauung zu
bewahren, kauft's die Gemeinde - für etliche Millionen Franken.
Treffen hier und da
Überliefertes zu pflegen, ist Kilchberger Art aber schon lange, denn
auch der "Obere Mönchhof" wurde vor 26 Jahren durch Gründung einer
Genossenschaft vor dem Untergang gerettet und
der letzte Wohnsitz des Schweizer Dichters Conrad
Ferdinand Meyer ist seit 1943 im gemeinsamen Besitz von Gemeinde und Kanton.
Im dortigen Gartensaal, vor dem Porträt des 1898 gestorbenen Dichters
skizzierte Gemeindepräsident Hans G r ä u b am
späten Nachmittag mit wenigen
Sätzen Leben und Werk des berühmten Kilchberges ehe er zum
eigentlichen Anlaß
für dieses Treffen kam. Selten, so meinte Gräub, ließen sich
Beginn und
aktellere Stand einer Beziehung so
präzise darstellen wie die von Kilchberg-Kilchberg. Er bezog sich dabei auf
einen Brief, der im Original samt Briefumschlag - für eine Drucksache ins
Ausland brauchte man damals eine Zehn-Pfennig-Marke - noch -vorhanden ist.
Im April 1956 stand Richard Henne im schwäbischen Kilchberg zur Wiederwahl.
Damals steckte der nicht ganz 14jährige Jochen Mohr, Sohn des Kilchberger
Pfarrers, einen Wahlaufruf in den Umschlag und schickte ihn nach dem anderen
Kilchberg. Wie Hans Gräub den Gemeinderatsakten entnommen hat, erhielten die
Schweizer auf diese Weise erstmals Kenntnis vom schwäbischen Kilchberg.
Jochen
Mohr, von Ortsvorsteher Erich Krauß kurzerhand zum Ortschaftsrat ehrenhalber
ernannt, saß während der Rede Gräubs neben seinem Bruder Dr. Klaus,
ordentliches Mitglied des Kilchberger Ortschaftsrates. Die Duplizität der
Familiennamen habe ihn, so bekannte Gräub später, zunächst irritiert, doch
dann sei ihm der Krauß'sche Trick aufgegangen, mit dem dieser die
Einladung an die Ortschaftsräte, Vereinsvorstände und Vertreter Tübingens
(Oberbürgermeister, zwei Gemeinderäte und Universitätsrepräsentanten)
„unterlaufen" habe.
Landsmannschaftlich verbunden
Am Zürichsee fand der Brief aus dem Neckartal 1956 lebhaftes Interesse.
Nachdem man einen Kundschafter ausgesandt hatte und dieser voll des Lobes
aus dem Schwabenland heimkehrte, reiste der gesamte Gemeinderat unter der
Führung von Gemnindepräsident Dr. Bruno Herzer an den Neckar. Man verstarnd.
sich auf Anhieb - die Schweizer Kilchberger wurden privat untergebracht, die
Vereine trugen, so Gräub, zum Gelingen des Treffens bei. Ein Jahr drauf
ging's vom Neckar an den Zürichsee, und dann in unterschiedlichen
Zeitabständen hin und her,
„immer getragen von herzlicher, aufrichtiger
Zuneigung, wie sie nur unter Gleichgesinnten vom selben Schlage möglich
sind",
wie Gräub bemerkte. „Hochgeistige Überlegungen als Grundlage für
Partnerschaftskontakte, wie sie andernorts mit absoluter Berechtigung
angestellt werden, haben in der Geschichte dieser Freundschaft von Dorf zu
Dorf Seltenheitsiwert", fuhr der Gemeindepräsident fort. Dafür gibt's nach
seinen Worten jede Menge Berichte über fröhliche, ungezwungene Volksfeste,
hier wie dort. Was bei den Schweizern immer wieder Bewunderung und
Anerkennung
fand, war die Tatsache, daß das kleine Tübingen-Kilchberg es mehrmals
schaffte,verwöhnte Schweizer in Kompaniestärke privat unterzubringen",
sagte Gräub, hinzufügend, daß es Gleiches
in seinem Dorf nur gegeben hat, wenn die Tübinger kamen. Ob die Lösung darin
zu suchen sei, daß hier wie dort die zugeteilten Betten in vielen Fällen
bestenfalls für Stunden oder - was auch vorgekommen sein soll - überhaupt
nicht
benützt wurden, wußte Gräub nicht zu sagen.
Trotz allen Verständnisses und aller Gemeinsamkeit war die Beziehung beider
Dörfer, so Gräub,
eine Zeitlang „überschattet", und zwar durch den Verlust der Souveränität
des schwäbischen Kilchbergs. Enttäuschung und Resignation aber ließ die
Neckartäler
Feuerwehr nicht überhand nehmen, sie sorgte 1974 bei ihrem Fest für ein
Wiederaufleben der Kontakte. Zwei Jahre später waren die Schweizer erneut am
Neckar zu Gast, diesmal beim Brunnenfest, das mit dem Partnerschaftstreffen
in
Tübingen zusammenfiel und dem die Eidgenossen (weitgehend) den Vorzug gaben.
Als „positive Wende" bezeichnete Gräub die 900-Jahr-Feier der
Universitätsstadt: „Ungeachtet unserer milden Renitenz wurden auch wir
eingeladen; eine edle Geste des nachsichtigen und menschlich großzügigen
Gemeinderates von Tübingen." Danach sei er, so der Gemeindepräsident, in
der Überzeugung nach Hause gereist, daß unsere Kilchberger Freunde in einer
Stadt, die von Ihnen (Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid, die Red.) regiert
wird, gut aufgehoben sind". Beim Feuerwehr-Fest im März 1980 wurde
vereinbart, die Partnerschaft an ihrem 25. „Geburtstag" feierlich zu
bestätigen, schloße Gräub.
Überliefertes bewahren
Nach einem Exkurs in die Geschichte der deutschen Kleinstaaten des vorigen
Jahrhunderts - wobei auch der Lübecker Kaufmanns-Sohn Thomas Mann, der seinen
Lebensabend in Kilchberg/Zürich verbrachte, erwähnt wurde - meinte
Oberbürgermeister Dr. Eugen S c h m i d, das Gelingen von
Freundschaften hänge
ebenso vom subjektiven Willen der Partner ab wie auch, wahrscheinlich sogar
in
höherem Maße, von Unwägbarkeiten, die von außen vorgegeben werden.
Stimmungen
zwischenstaatlicher Beziehungen und gewachsener Kulturen, ohne deren
Kenntnis vieles unverständlich bleibe, bilden den Rahmen. Zum Schweizer
Volkshelden Wilhelm Tell und dem Schiller-(Tell-)Zitat „Wir wollen sein ein
einzig Volk von Brüdern" übergehend,
bekannte OB Schmid, „wir Deutschen tun uns schwer mit diesem eidgenössischen
Gelübde". Das sei in der geographischen Lage, der Geschichte begründet. Beide
hätten dazu geführt, daß „wir historisch mehr von Urangst als von Urvertrauen
geprägt" werden. „Manche behaupten, wir hätten keinen Nationalgedanken,
keine nationale Identität; allenfalls seien landsmannschaftliche Bindungen
und Ideale erkennbar, und selbst die nur dann, wenn wir einander in der
Fremde begegnen", fuhr der Oberbürgermeister fort.
Gerade die landsmannschaftlichen Gemeinsamkeiten aber haben, so Eugen
Schmid, von jeher die Schwaben und Alemannen einander besser und eher
verstehen lassen als die Schwaben mit denen, die jenseits der Main-Linie
leben. Schmid „personifizierte" die Gemeinsamkeit, indem er meinte, „unsere
Beziehungen zu Conrad Ferdinand Meyer sind inniger als die zu Thomas Mann".
Für Schmid ist die Tatsache des gemeinsamen schwäbisch-alemannischen Stammes
eine gute Basis für den Bestand der Freundschaft zwischen beiden Kilchberg,
die trotz politischer und natürlicher Grenzen aller Zufälligkeiten entbehre.
Den Eingliederungsvertrag Kilchberg-Tübingen zitierend, sicherte OB Schmid
beiden Partnern zu, daß „in der kommunalen Praxis" der Passus, der dem
Stadtteil und seinen Vereinen die Respektierung des örtlichen Brauchtums und
des kulturellen Eigenlebens und seine weitere ungehinderte Entfaltung
garantiert, ernst genommen wird. Diesem Gedanken trägt auch der Text der
Partnerschaftsurkunde Rechnung. Und nach einem Mozart-Werk, dargeboten vom
Schreiber-Quartett, unterzeichneten Gemeindepräsident, Oberbürgermeister und
Ortsvorsteher die Urkunden.
Nach dem feierlich-offiziellen Teil wurde es später im „Oberen Mönchhof"
familiär. Das vorzügliche Abendessen, die edlen Tropfen Schweizer
Provenienzen und die Appenzeller Volksmusik lockerten die Zungen, lockten
muntere Reden hervor. Nach den Dankadressen von Gemeindepräsident Gräub und
OB. Schmid an Gäste und Gastgeber würdigte die Universitäts-Vizepräsidentin
Professor Dr. Hanna W e i s c h e d e l die Tatsache, daß die Universität
trotz der Probleme, die Tübingen mit ihr habe, in diese Partnerschaft
einbezogen worden ist. Sie überreichte dem Kilchberger Gemeindeoberhaupt das
Standardwerk der Universität, das zum 500jährigen Bestehen herausgekommen
ist - eine Gabe, die bei den Schweizern großen Anklang fand.
Episoden - amüsante und nachdenklich-stimmende - aus den vergangenen 25 Jahren bewahrte
Ortsvorsteher Erich K r a u ß vor dem Vergessenwerden. Erich Krauß ist einer derjenigen,
die von Anfang an dabei waren und großen Anteil am guten Einvernehmen haben.
Als „Viehzähler" war Richard
G e b a u e r, Abteilungsleiter der Feuerwehr,
drei Tage vor der jüngsten Schweiz-Reise im eigenen Dort unterwegs;
seine Statistik wurde mit Beifall quittiert. Daß auch die
Dorf-Oberen, die damals „regierten", zu Wort kamen, versteht sich von selbst:
Richard Henne und Dr. Bruno Herzer verbindet seit Jahren eine enge Freundschaft.
Herzer sagte, anknüpfend an das Lied vom „Guten Kameraden", beide
Kilchberg hätten einen guten Kameraden und er hoffe, daß es noch lange so bleiben möge.
Ehe man sich am Sonntagnachmittag trennte, ging Dr. Klaus Mohr auf die Gemeinsamkeiten
beider Kilchberg ein - es waren etliche.
Hans Gräub zog Bilanz mit der Bemerkung, wenn nur ein Teil davon zutreffe, so seines immer
noch viel.
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Im Gartensaal des Conrad-Ferdinand-Meyer-Hauses setzt Oberbürgermeister Schmid
seine Unterschrift unter die Urkunden; links neben ihm Gemeindepräsident Hans
Gräub, rechts Ortsvorsteher Erich Krauß.
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