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Familientreffen bei Uta
↑Portal Netz e.V.
Ausder Bangladesch-Zeitschrift NETZ 2010
Kampf gegen Hunger
Zwei Frauen und ein Beitrag zur Erreichung der Millenniumsziele
Von Anna Bucur und Jakob Braun
Mit ihren Spendenaktionen für das NETZ-Projekt "Ein Leben lang genug Reis"
hat Uta Ludwig aus Tübingen- Hirschau Erfolg: Shishu Kurmi schaffte den Weg aus
der Armut. Die beiden Frauen zeigen, welche Möglichkeiten es im Kampf gegen den
Hunger gibt.
Es ist früh morgens im kleinen Dorf Poshimpali im Nordwesten Bangladeschs.
Hier leben, wie in anderen Teilen dieser Region, vor allem Angehörige indigener
Minderheiten am Rande der Gesellschaft, oft in sozial wie wirtschaftlich
miserablen Verhältnissen. Die 40-jährige Shishu Kurmi sitzt auf dem sandigen
Boden vor ihrer Lehmhütte. Sie kocht Linsen. Reis und Kartoffeln stehen fertig
in einer Schüssel. Shishu hat einen langen und anstrengenden Tag vor sich. Im
Distrikt Joypurhat, wo sie zusammen mit ihrem Ehemann und der jüngsten ihrer
vier Töchter lebt, werden zurzeit Jute und Reis angebaut. Um Punkt acht Uhr
will sie bei einem örtlichen Großgrundbesitzer sein. Wenn sie Glück hat, kann
sie sich durch harte Feldarbeit einen Tageslohn von umgerechnet einem Euro
verdienen. Zwei bis drei Mal pro Woche wird in dieser Jahreszeit ihre
Arbeitskraft gebraucht.
Arbeiten muss die pensionierte Musiklehrerin Uta Ludwig nicht mehr. Ihre
Rente und ein großer eigener Garten reichen der 67-jährigen und ihrem Mann zum
Leben. Dabei tut sie, was sie kann, um Anderen zu helfen. Sie will für einen
gerechten Ausgleich in der Welt sorgen. Nach einem regenreichen Frühling erntet
sie Anfang Juni 2010 rund zwölf Kilogramm Rhabarber und organisiert ein
Kuchenfest. Die Einnahmen aus dem Verkauf fließen in das NETZ-Projekt, damit
Menschen wie Shishu den Hunger überwinden können. Seit neun Jahren setzt sich
die schwäbische Großmutter unermüdlich für ärmste Familien in Bangladesch ein.
Das Rhabarberkuchen-Fest ist nur eine ihrer vielen Aktionen. Im Schaukasten der
Gemeinde informiert sie mit Bildern und Berichten immer wieder neu über die
Arbeit von NETZ. Beim jährlichen "Tag der Hoffnung" und anderen Veranstaltungen
bringt sie Interessierte und Unterstützer zusammen. Gemeinsam haben sie sich
vor einigen Jahren ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. 3.347 Menschen wollen sie den
Weg aus der Armut ebnen. Das entspricht der Einwohnerzahl von Hirschau. Um zu
sehen, was ihre Hilfe bewirkt, reiste Uta im Dezember 2009 nach Bangladesch und
machte sich ein Bild von der Situation vor Ort.
In Bangladesch treffen sich die Frauen im Projekt "Ein Leben lang genug
Reis" regelmäßig bei wöchentlichen Gruppentreffen. Auch Shishu kommt heute wie
fast jeden Freitag vor der Arbeit mit den anderen 14 Frauen ihrer Gruppe
zusammen. Sie tauschen sich über Arbeitsmöglichkeiten, Viehkauf und Impfungen
aus und verwalten ihre Ersparnisse. Vor drei Jahren lebte jede von ihnen noch
in völliger Armut. Im Rahmen des Projektes haben sie inzwischen alle eine
Beschäftigung gefunden, die ihnen ein Einkommen sichert. Während der Treffen
teilen die Frauen ihre Sorgen und helfen sich untereinander. "Es hat sich ein
Gefühl der Zugehörigkeit und Solidarität entwickelt", berichtet Akbar Ali,
Mitarbeiter der NETZ-Partnerorganisation Ashrai, der an dem Treffen teilnimmt.
Er begleitet die Gruppe auf dem Weg in die Selbständigkeit und moderiert
Gespräche zu Themen wie Mitgift, Frühehen und Familienplanung.
Menschen wie Akbar, die sich für die Ärmsten einsetzen, hat Uta auf ihrer
Reise durch Bangladesch viele kennen gelernt. Die Mitarbeiter in lokalen NGOs
zu treffen und zu spüren, dass sie ernsthaft und mit großem Einsatz etwas an
der Situation im Land ändern wollen, sei sehr motivierend für die eigene Arbeit
gewesen, sagt sie. Während der Besuche in Dorfgruppen hat sie vor allem der
Stolz und das Selbstbewusstsein der Frauen fasziniert. "Mitzuerleben, wie die
Frauen ihre Fähigkeiten entfalten, dass sie Pläne schmieden und freudig lachend
berichten, ist großartig", erzählt Uta begeistert.
Auch Shishu macht einen selbstbewussten Eindruck. Früher, als sie mehr
schlecht als recht am Rand des Existenzminimums überlebte, musste sie noch
betteln gehen. Nun diskutiert sie in ihrer Gruppe über Arbeitsmöglichkeiten im
Rahmen des sozialen Grundsicherungsprogrammes der Regierung. Arme Menschen
können in Bangladesch 40 Tage im Jahr für einen Euro am Tag öffentliche und vom
Staat bezahlte Arbeit leisten, etwa Straßen säubern oder Backsteine für neue
Gebäude transportieren. Indigene Frauen wie Shishu werden immer noch
diskriminiert und haben nur schwer Zugang zu staatlichen Förderprogrammen. Doch
vier Frauen aus Shishus Gruppe haben schon eine Stelle bekommen. "Wir mussten
ziemlich viel dafür tun", erzählt eine von ihnen. "Das ging nur, weil wir uns
zusammen getan haben". Erst nach einer gemeinsamen Protestaktion bei den
lokalen Behörden wurden ihnen die Stellen zugeteilt. "Als Bürgerinnen
Bangladeschs haben wir ein Recht auf Gleichbehandlung", sagt Shishu mahnend zu
den Anderen. "Wir müssen mehr Druck machen". Die Frauen stimmen ihr zu.
Gemeinsam sind sie stark, das wissen sie. Darum beraten sie das weitere
Vorgehen.
Dass es nicht allein geht, hat Uta während ihrer langjährigen Eine-
Welt-Arbeit ebenfalls erfahren. "Es braucht einen Kreis von Mitstreitern",
meint sie. "Einzelne müssen begeistern und Menschen mitreißen". Darum erzählt
sie den Menschen in ihrem Umfeld von ihren Bangladesch-Erfahrungen und ihren
Vorstellungen einer gerechteren Welt. Auch Anfragen für Vorträge gibt es genug.
"Was bedeutet Armut in Bangladesch?" Mit dieser Frage beginnt sie ihre
Veranstaltung. Mit ihren Bildern veranschaulicht sie den abstrakten Begriff:
Eine Handvoll Reis am Tag zu Essen, ein einfaches Haus aus Bambus und Lehm,
schutzlos gegenüber Regen und Wind, keine Bildung, oft auch Gewalt. "Gibt es
Wege aus der Armut?" Uta fährt mit der Bild-Präsentation fort. Die Fotos von
den lachenden Frauen im Projekt "Ein Leben lang genug Reis" brauchen kaum eine
Erläuterung. Sie zeigen, dass es geht.
Für Shishu ist vieles nicht mehr wie zuvor. Durch die Unterstützung aus
Deutschland konnte sie mit ihrem Mann etwas Land für den Gemüseanbau pachten.
"Der Verkauf von Gemüse ermöglicht uns ein zusätzliches Einkommen", berichtet
sie. "Selbst in wirtschaftlich schlechten Zeiten haben wir Arbeit und können
überleben. Es reicht sogar, etwas Geld zu sparen". Und es gibt immer genug zu
tun, auch wenn Shishu - wie an diesem Tag - keine Arbeit auf dem Feld eines
Großgrundbesitzers findet. Der Arbeitsvermittler hatte jüngere Männer und
Frauen gegenüber Shishu vorgezogen. Auch wenn sie als Tagelöhnerin auf dem Feld
mehr verdient, als durch den eigenen Anbau, ist sie heute nicht länger nur von
den Mächtigen abhängig. Die roten Spinatblätter auf dem kleinen Land müssen
gedüngt und gegossen werden. Die Wasserstelle ist weit entfernt und alles wird
mit eigener Körperkraft herangeschleppt. Doch hier lohnt das Anpacken! Shishu
wünscht sich in Zukunft mehr Land, das sie pachten und bewirtschaften kann.
"Es ist beeindruckend, wie viel schon erreicht wurde", berichtet Uta nach
der Rückkehr von ihrer Bangladesch-Reise. Überzeugt vom Erfolgskonzept des
NETZ-Projektes mobilisiert sie Nachbarn, Freunde und Verwandte, Mitglieder
ihres Chors und Menschen, die ihr auf offener Straße begegnen. Da ist sie nicht
zu stoppen. Denn es gibt noch viele Frauen, die wie Shishu eine Starthilfe
brauchen, um die Armut zu besiegen. "Mein Antrieb ist die Freude an positiven
Veränderungen, die durch unser Zutun möglich sind. Wir können viel tun", sagt
Uta, "vorausgesetzt wir akzeptieren die natürlichen Grenzen, die eigenen und
die der Anderen: finanzieller und persönlicher Art". Sie kritisiert, dass viele
Mitbürger außerhalb ihres Unterstützerkreises kleine Taten für unwesentlich
halten. Das große Handeln delegierten sie an politische Amtsträger. Doch
präzise Forderungen, meint Uta, stellen sie an diese nicht. So aber bleiben
Chancen der eigenen Mitbestimmung und Steuerung ungenutzt. Dieses Problem sieht
sie gerade mit Blick auf die Umsetzung der Millenniumsziele.
Von den Millenniumszielen hat Shishu noch nie etwas gehört. Doch sie weiß,
dass sich ihr Leben in den letzten drei Jahren sehr verbessert hat. Dass es
Menschen in Deutschland gibt, die sie dabei unterstützt haben, erscheint der
Frau als wahres Wunder. Sie weiß, dass sie und ihre Familie ohne diese Menschen
und deren Spenden heute keine Arbeit, kein Einkommen und folglich auch keine
drei Mahlzeiten täglich hätten. Sie fragt sich, wer diese Frauen und Männer
sind, die sich für sie einsetzten und warum sie dies tun.
"Mein Engagement für den guten Zweck empfinde ich persönlich als
Bereicherung", sagt Uta freudig. Und Hilfe zur Selbsthilfe sei ganz einfach
möglich. Jeder kann im Rahmen der eigenen Möglichkeiten etwas dazu beitragen.
Es brauche nur gute Ideen und einige fleißige Menschen, die aktiv mitmachten.
"Und die finden sich immer", weiß sie aus ihrer Erfahrung. Durch ihr Engagement
konnte die Gruppe um Uta bereits 3.121 Frauen und ihren Familien in Bangladesch
zu einem menschenwürdigen Leben verhelfen.
Auch wenn Shishu die Debatte um die Millenniumsziele nicht kennt, steht
für sie fest, dass Menschen wie Uta einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung
der Situation in ihrem Land leisten. Shishu ist eine stolze und selbstständige
Frau voller Energie. Auch wenn sie gezeichnet ist von jahrelangem Hunger und
harter Arbeit, ist ihr die Angst vor dem Morgen vom Gesicht gewichen. Sie
überlegt schon jetzt, was sie nach der Ernte des roten Spinats in diesem Sommer
auf ihrem eigenen Land anbauen wird. Mit Uta, die ihrerseits die Sonnentage
emsig im Garten verbringt, wird sie sich darüber nicht beraten können. Doch
Shishu weiß, dass sie in Poshimpali nicht allein ist. Sie freut sich, dass sie
ihren Erfolg mit den Frauen in ihrem Dorf teilen kann. Uta ist überzeugt, dass
es anderen Frauen und ihren Familien ebenfalls besser gehen kann, wenn nur jede
und jeder etwas dazu beiträgt.
Anna Bucur ist Junior-Referentin der Öffentlichkeits- und
Projektzusammenarbeit bei NETZ.
Jakob Braun absolvierte zwischen September 2009 und August 2010 einen
einjährigen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst mit NETZ in Bangladesch.
Dieser Beitrag erschien in der Ausgabe 02-2010 der Bangladesch-Zeitschrift
NETZ zum Thema "Armut ohne Ende? Zwischenbilanz der Millenniumsziele". Die
Zeitschrift können Sie hier
bestellen.