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Heinrich Mohr de Sylva
Fromme Einkehr in der Hergottskirche Creglingen und bei Tilmann Riemenschneider
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Fotos: Klaus Mohr
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„Zeuch deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehst, ist ein heilig Land!” Mit diesem Bibelwort möchten wir aufrufen zur frommen Einkehr in der Herrgottskirche zu C r e g l i n g e n. Fränkische Edelherren, die Grafen von Hohenlohe, haben sie als Wallfahrtskirche im Jahre 1384 gestiftet, dem „Herrgott", ihrem Heiland, zu Ehren, und sich selbst zum ewigen Heil. Aus ureigenstem frommen Antrieb sind unsere fränkischen Vorfahren zu Zehntausenden zu ihr gepilgert, und noch heute führt der „Wallweg" von der Laudenbacher Bergkirche, die Mörike besungen hat („0 liebste Kirche sondergleichen"), übers „Handbuch" durch das „Bettäle", am „Greinberg" vorbei über den „Herrgottsbach" zur „Herrgottskirche". Zehntausende durchzogen betend die Kirche, von Seitenportal zu Seitenportal, um am „untern Altar" vor dem Allerheiligsten, dem „Herrgott", ihre Andacht zu verrichten. Dann standen sie unter der Außenkanzel, fälschlich „Tetzelkanzel" genannt, um durch den Segen der vorgezeigten Reliquien und der Predigt neugestärkt zum Alltagswerk zurückzukehren.
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Wenn nun heute wieder Pilger von nah und fern (1958 waren es rund hunderttausend) aus künstlerischem und geschichtlichem Interesse in unserer Herrgottskirche einkehren, so mögen sie bedenken, daß sie nicht in ein Museum kommen mit Sehenswürdigkeiten, die von überall her zusammengetragen wurden, sondern in ein aus der Frömmigkeit unserer Vorfahren bodenständig geschaffenes Heiligtum. Aus den Altären, Tafeln, Kruzifixen, Skulpturen, Glasfenstern und Grabsteinen redet der fromme Sinn eines Riemenschneider, Veit Stoß, Michel Wolgemut, Jakob Mülholtzer, Michel Niklas und vieler anderer fränkischer Meister zu uns. Mögen die heutigen Wallfahrer auch von deren Geiste noch einen Hauch verspüren und aus frommer Betrachtung Kraft zu neuem Wirken schöpfen!

Wir Creglinger aber wallen auch jetzt noch zu unseren Gottesdiensten und Leichenpredigten hinaus zur Herrgottskirche, wo im stillen, mauerumfriedeten Gottesacker unsere christlichen Ahnen ruhen, die einst hier gebetet haben, wie wir es heute tun. Außen ringsum an der Kirche sind die Verlockungen der Welt zum Abscheu der frommen Christengemeinde festgebannt: Götzen und Geister, Fratzenteufel und Gemeinheiten, Sonnen-, Mond- und Windgott an der „Tetzelkanzel", der einäugige Wotan, der Fenriswolf und die Welteidechse, ein Saufteufelchen, ein Zweifelsteufel an der Dachrinne, die wilden Wasserspeier u. a. m. Unbehindert durch sie alle treten wir zwischen „Zweifel" und „Streit" links und rechts des Eingangsportals hinein in das Innere der Kirche, wo die Heiligtümer unserer harren.

Im gotischen Helldunkel umgibt uns das seltene gotische Tonnengewölbe des Schiffes. Es reden zu uns die Totenschilder der drei Stifterherren Hohenlohe (um 1400) und eine Fülle von alten Grabmälern.
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Gedämpftes Licht fällt durch die alten, bunten Glasfenster mit ihrem wundersamen Blau und Rot (z. B. Christus, der Fürst des Lebens, am Kreuz, das zur Lebensrune und zum Lebensbaum wird). Links erhebt sich der alte Niederländer Altar von 1470
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und rechts der Heiligenaltar von Jakob Mülholtzer mit der wundervollen Marienverkündigung aus dem Jahre 1496.
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Wir blicken auf zu dem schönen seitlichen und dein wundervollen friedlichen Kruzifix am Triumphbogen.
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An diesem vorbei treten wir hinauf zu dem hohen Chor mit seinem Riesenchristophorus,...
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...seinem gotischen Chorgestühl mit den vielen, flachgeschnitzten, festgebannten „Narrenteidingen" (Fastnachtsköpfe), seiner edlen Maria- und Christusstatue über der Sakristeitür, dem modern wirkenden, unergründlichen Frauenkopf von 1389 über der Sediliennische, den uralten Glasmalereien und vor allem zu seinem Hochaltar.
Welch eine eindringliche, predigende Kraft wohnt ihm inne! Mögen die Gelehrten streiten, ob Veit Stoß selbst oder Erasmus Grasser ihn geschaffen hat. Tatsache ist, daß die Creglinger Gemeinde durch die Zehntausende opfernder Besucher schon innerhalb eines Jahrhunderts in der Lage war, die bedeutendsten Künstler heranzuziehen - wir stellen diese Tatsache hier fest und sind der Vorsehung dankbar, die uns trotz größter Bedrohung diese Werke auch durch die Gefahren des letzten Krieges und Kriegsendes erhalten hat.
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Der Altar stellt die Passion Christi dar, so realistisch, wie sie im mittelalterlichen Passionsspiel gestaltet wurde. Nach Ausdruck und Gewändern sehen wir die typischen Passionsspieler jener Zeit: links den vornehmen und hochmütigen Statthalter Pilatus mit der Schriftrolle I.N.R.I., rechts seinen Gegenspieler, den fanatischen jüdischen Hohepriester, als ob er sagen wollte: „Wir haben ein Gesetz, und nach dem Gesetz muß er sterben!" (Joh. 19, 7), neben ihm zwei Kriegsknechte mit Schwert und Schwamm am Isopstengel, die wie leibhaftige mittelalterliche Landsknechte wirken, in der Mitte die den Stamm des Kreuzes umfassende, tief erschütterte Maria Magdalena, und ihr zur Seite die ungemein ausdrucksvolle Gruppe des Johannes als Seher, wissend, daß dies Geschehen zum Besten der Menschheit sich gestalten wird, und der Maria, die in dieser Passionsdarstellung ihren Schmerz ergreifend zum Ausdruck bringt — alles in lebendigster Darstellung.
Eine tief ergreifende Predigt halten uns die drei Gekreuzigten: des Heilands Haupt voll Blut und Wunden („du edles Angesichte, wie bist du so entstellt") hat soeben seinen letzten Atemzug getan, der Herr hat sein Erlösungswerk vollbracht, und die Engel selbst können nur anbeten und das Blut des Heilands im Abendmahlskelch für die leidende Menschheit auffangen. Der Schächer zur Linken (rechts) ist der typische Weltmensch, mit wundervollem Körperbau. Ist es nicht, als ob er aus eigener Machtvollkommenheit sein Leben gestalten wollte, als ob er dabei aber, statt zum Übermenschen zu werden, sich in die Gesellschaft des Untermenschentums verstrickte - und jetzt folgerichtig seinen Weg in Nihilismus und Verzweiflung zu Ende gehe? Der Schächer zur Rechten (links) ist der zerbrochene Idealist, der wohl auf vielen Irrwegen an der Bosheit und Tücke dieser Welt aktiv und, wie sein narbenvoller Körper zeigt, auch passiv teilgenommen hat, der aber trotzdem oder eben deshalb mit unendlicher Hingabe die Erlösung sucht, ahnt und findet. In der Predella unten links spricht ganz lebendig mit dem Beschauer der hl. Andreas mit dem Andreaskreuz, „die hl. Anna selbdritt" weist uns ihre demütig fromme Tochter Maria und ihren wichtigen Jesusenkel, während der biedere Christophorus rechts die Schwere, aber auch den Segen des Jesuskindes spürt. Spüren nicht auch wir vor diesem Altar etwas von dem Wirrwarr und der Sünde der Welt und davon, daß nur Gottes Lamm dieser Welt Sünde trägt, daß es allein uns zu erlösen vermag von Welt, Sünde und Tod?

Aufgewühlt von der unruhig flackernden Leidenschaft und predigenden Wucht eines Veit Stoß treten wir nun zurück in das Schiff vor Riemenschneiders Wallfahrtsaltar. (Er steht unten auf der alten Mensa an der Stelle, wo der „Herrgott", die hl. Hostie, vom Bauern beim Pflügen gefunden worden sein soll. Ihm zu Ehren wurde die Kirche gestiftet und unser Altar hier errichtet.
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c_creglingen_riemenschneider_altar191tuch Die wundervolle Mitte der Predella unten zeigt noch heute das Tuch, von zwei Engeln überm Ziborium festgehalten, worin der Herrgott zur Schau gestellt ward, und zu höchst oben in der Krönung führt der siegende, auferstandene Christus mit den Wundmalen das letzte Wort.) Der Altar ist, wie viele bekennen, der schönste Schnitzaltar der Welt. Welch ein Gegensatz: dort das Werk des ringenden Realistikers Veit Stoß hier das des edlen, frommen Mystikers, der den Zugang zur höheren Welt und zum Frieden Gottes gefunden hat und ihn uns weiterreicht. Riemenschneiders Altar spielt uns nicht die Wirklichkeit dieser Welt vor. Er ist selbst ein Stück der Wirklichkeit des Reiches Gottes. Die vollendete Gotik des Rankenwerks, der Inhalt der einzelnen Bilder, die aufschwebende Maria und oben die zu krönende Gottesmutter, ...
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...welche die durch den Gnadenakt Gottes erlöste Menschheit repräsentiert, dies alles ruft uns zu: „Erheb, o Christ, dein Herz und Sinn! Fleuch denkend von der Erden! Hinauf! schwing dich zum Himmel hin; ein Christ muß himmlisch werden!" (E. Liebich). Dieser Altar führt uns in frommer Versunkenheit vor eine Welt zartester, reinster Schönheit, innigster Gottesminne, himmlischer Musik — er ist die Enthüllung eines Heiligtums, wirklich ein Gruß aus einer anderen Welt, wie sie nur der Apostel Johannes im Buch seiner Offenbarung uns erstehen läßt.
Hier ist nicht mehr Mühen, Kämpfen, Ringen, hier ist holdselige Versenkung ins Unaussprechliche, tiefe Schau, die da „sieht die Hütte Gottes bei den Menschen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein" (Offb. Joh. 21, 3 und 4). Ist das nicht eine Predigt für unsere heutige so zerrissene Zeit, ein Anruf aus einer anderen Welt, verständlicher als alles, was etwa Pfarrer sagen, denen man zuhört oder auch nicht zuhört? Ist's nicht, als hörten wir des Heilands Stimme selbst: „Wo diese werden schweigen, so werden die Steine —oder die Hölzer — schreien" (Lukas 19, 40)? Freilich stehen wir zunächst vor unserem Altar schweigend im oft so genannten „nordischen" Abstandsgefühl. Da ist keine Farbe, kein bestechender Wunderakt, keine süße Sentimentalität. Da sind Menschen von Fleisch und Blut, gutmütige, weichere und gröbere, oft wehmütige, wie wir sie in Würzburg oder Creglingen noch heute sehen. Und doch sind sie alle erfüllt von dem einen schier Unbegreiflichen, das hier seine Darstellung gefunden hat. Es ist, als wollten sie sagen: „Ich danke dir, du wahre Sonne, daß mir dein Glanz hat Licht gebracht!" (Angelus Silesius). Je länger wir andächtig davor stehen, um so mehr werden wir „erhoben" und selbst verinnerlicht und veredelt, zu Gottes Kindern gewandelt.

Lassen wir das Einzelne zu uns sprechen. Zuerst das ganze G e r a n k e: Ist's nicht, als wäre der ganze deutsche Wald hereingenommen? Solch eine Fülle gotischer Erfindungskraft entfalten Rankenwerk, Kielbogen und Fialenwerk, der ganze Aufbau als solcher! Wir würden die Überfülle kaum verstehen, wenn wir nicht wüßten, daß damals ein Altaraufbau so sehr geschätzt wurde, daß z. B. in Rothenburg der Schreiner Harschner dafür doppelt so viel Geld bekam als Riemenschneider für seine Figuren. In Ehrfurcht stehen wir stille vor dem ganzen wunderbaren Altaraufbau. Unglaublich ist dies Rankenwerk der gotischen Bögen. Alles strebt nach oben, als wüchse es wirklich dem Lichte entgegen, als sei es kein Menschenwerk. Wie eigensinnige Zweiglein wächst es noch an den Seiten heraus, und neben den Hauptspitzen sprossen noch kleine, die nach außen geneigt sind.

Und erst die Darstellungen! Der Altar stellt die sieben Freuden der Maria von der Verkündigung bis zur Krönung dar, Freuden, an denen die gläubige Christenheit selbst bis heute teilhaben darf und soll. Das Hauptbild Mariä Himmelfahrt, im Schrein aus Föhrenholz, hat als Hintergrund die Lindenholzfiguren unserer herrgottskirche selbst: symbolisch für die gegenwart und Wirklichkeitsbedeutung dieses Geschehens für uns, hier und jetzt. Die Wände des Schiffes mit den zwei Fensterpaaren sind statt in der Senkrechten um 90 Grad zurückgebogen, wie es in dem Altaraufbau nicht anders sein kann. Unermeßlich wird jedem die aufschwebende Maria selbst bleiben, die vollendete Frauengestalt, die je ein Künstler geschaffen hat. Schlicht und einfach ist sie, nicht thronende Himmelskönigin, auch nicht stolze Mutter, wie bei so vielen anderen Darstellungen, aber doch erhaben, voll Hoheit, selbst schon Künderin einer anderen Welt, betend versunken, als ob sie gar nicht merke, was mit ihr geschieht: die schönste und reinste Frau.
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„Ihre Augen blicken nicht auf uns, nicht in ihre Umgebung, sie richten sich hinaus über alle sichtbare Wirklichkeit, hinüber in die Ewigkeit" (Seb. Schmerl). Um sie schweben fünf Engel. Sie sind vielleicht das Unglaublichste des ganzen Werkes. Nirgendwo anders kann man so von aller Erdenschwere befreite Flügelwesen finden, mit einem solchen Schweben und Schwingen und einer solchen Wahrheit des Ausdrucks göttlicher Heiligkeit und himmlischer Freude. Unter dem untersten Engel (ist's Michael, der die Todes- und Höllengeister abhält?) ist die Leere des Grabes, des Abgrunds. Rechts und links steht je eine Gruppe von sechs J ü n g e r n, ein jeder ein Meisterwerk für sich, und jeder Ausschnitt einer Gruppe desgleichen ein Meisterwerk.
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Links vorn ist das Brüderpaar P e t r us und Andreas. Petrus, der Feuerkopf, starrt verwundert offenen Mundes der entschwebenden Maria nach, und möchte doch im selben Augenblick am liebsten selbst zum Himmel fahren; Andreas (nicht Paulus!), still für sich in ernster Andacht versunken, legt die zarte Hand um des Bruders Schulter, die andere an das Buch. Links von ihm ist Bartholomäus Nathanan „ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist", wie er von Jesus geschaut wurde, als er unter dem Feigenbaum sich unbeobachtet wähnte. Oben links steht ein anbetender Seher mit dem Manteltuch überm Haupt, der mit betenden Händen seitlich zu Maria blickt und doch an ihr vorbei gleichsam in die Zukunft, in die Ewigkeit schaut, ganz unberührt von dem mehr fragenden Blick seines Nachbarn (J a k o b u s des Jüngeren ?). Ob es wohl der früher ungläubige, jetzt anbetende T h o m a s ist, der da spricht: „Mein Herr und mein Gott!"? Endlich steht über Petrus die wunderbare Gestalt des Mönches P h i l i p p u s mit dem gläubig aufblickenden, innerlichst durchläuterten Gesicht und den frommen, reinen, überm Buch gekreuzten Händen. Wie oft finden Besucher dies als „das schönste Lutherbild Deutsch-lands".
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Und wir müssen ihnen sagen: „Das kann nicht Luther sein, denn das Bild ist spätestens 1505 oder 1510 geschnitzt und Luther frühestens 1517 bekannt." Und doch gleicht es den vielen Lutherbildern von Lukas Cranach, und es ist uns heute, als hätte Meister Tilman prophetisch vorahnend das Bild des frommen deutschen Mönches geschaut. In der rechten Gruppe ist vorne der unvergleichliche J o h a n n e s. Welche Innigkeit, Reinheit und Hingebung liegt in der Haltung seines edlen Kopfes! Seine Hand ist neuerdings ergänzt und darum nicht so beseelt wie alle anderen Hände, denn unser heutiges Zeitalter ist nicht mehr imstande, Riemensdineiderhände zu schaffen. Ganz rechts steht Ja k o b u s der Ältere. Christusähnlich ist sein edles Haupt, seine Hände sind wunderbar fein und beseelt. Zwischen beiden ist eine gröbere Gestalt mit härterem Gesicht, aber auch demütig die Hände kreuzend (vielleicht der Zöllner Matthäus ?). Rechts von ihm ist Matthias mit dem jugendlichen, bartlosen Haupt, über ihm sind die bewegten, königlichen Heldenköpfe des T h a d d ä u s und Simon, beide unwillkürlich die Hand erhebend, als Maria vor ihnen auffährt.

Um dieses Hauptbild mit seinem die Seelen himmelwärts führenden Rhythmus und der sprühenden, edlen Musik des ganzen Rankenwerkes schwingen Seitenflügel, Predella und Auszugsgruppe zu einem wahrhaft symphonischen Ganzen, alles reinste Harmonie, zu der gotisch frommes Weltgefühl und lebensvolle Natürlichkeit zusammenklingen. Welch tiefe Symbolik liegt zum Beispiel allein in der Ellipse, zu der die einzelnen Gruppen geordnet sind! Es ist die Form des Eis als Symbol des Lebens, die wir schon bei der auffahrenden Maria mit den Engeln gewahren (sog. „Mandelform"), und die sich überall wiederholt. Im Seitenflügel links unten ist Mariä Verkündigung dargestellt, das zugleich innigste und gewaltigste Relief:
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Der Gottesbote Gabriel kommt aus der freien Schöpfungswelt Gottes zu Maria in die raumbegrenzte irdische Welt hernieder. Das Ganze ist in der Ellipse gestaltet von den Engelsflügeln links herunter zum Saum des Gewandes der Maria und zurück über das Haupt der Jungfrau und die Schwurfinger des Engels. Aber wenn Himmel und Erde einander berühren, wirkt eine ungeheure Dynamik in der Ellipse, ein-, zwei- und dreimal, alles ist Leben, Kraft, Bewegung. Im Gegensatz dazu ist in Mariä Heimsuchung darüber dieselbe Form des Eis, aber ganz ruhig und verhalten: es sind die beiden hoffenden, werdenden Mütter, die sich die Hände reichen und voll geisterfüllter Hoffnung in die Zukunft schauen. In der Geburt Christi (Seitenflügel rechts oben) ist wieder diese Geschlossenheit, jedoch ist diesmal das Ei gleichsam eröffnet durch das in der Mitte vom Himmel herabgesenkte Christkind.
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Es liegt im Saum des Gewandes der Maria, auf Heu und Stroh in Niedrigkeit, aber das Stroh ist symbolisch geformt zur Strahlenkrone des Himmelskönigs. Maria betet demütig als Magd des Herrn, und doch ist ihr Gewand symbolisch geformt zur Mondsichel als das der Himmelskönigin. Joseph hält vorsichtig die Kerze als der juristische Nährvater, der dafür sorgen muß, daß das Lebenslicht des Kindleins nicht ausgeblasen wird. Und doch ist es, als ob er mit Luther sagen wollte: „Das ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein'n neuen Schein!" Und Ochs und Esel, die seufzende Kreatur, wird frei werden zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Röm. 8, 21). Im Gegensatz zu diesen Bildern ist die Darstellung im Tempel rechts merkwürdig steif.
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Die beiden Gruppen sind getrennt durch den Altar mit Aufsatz. Steif ist die Haltung der Gestalten, besonders die des Joseph links, steif die Gewänder, besonders das des Priesters rechts. Soll das die Steifheit des alttestamentlichen Gesetzes bedeuten, unter das der Sohn getan wird, „auf daß er die, so unter dem Gesetz waren, erlöste" (Gal. 4, 4 und 5), oder ist dieses Bild das Werk nicht des Meisters selbst, sondern nur das des besten seiner vielen Gesellen? Dagegen ist in der P r e d e l l a rechts das Bild des 12jährigen Jesus im Tempel eine wundersame vollkommene Einheit, den andern Bildern ebenbürtig. Hier hat Riemenschneider sich selbst dargestellt in dem so nachdenklich ganz rechts bewußt zu den Füßen seines Heilandes stehenden Gelehrten.
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Das Gegenstück finden wir in der Anbetung der drei Weisen links. Wunderbar ist das Mittelstück, die beiden Engel mit dem Tuch. Dann wenden wir unseren Blick nach oben, wo die einzige waagrechte Linie dieses aufstrebenden gotischen Altares gezogen ist zur Scheidung des Himmels von der Erde: Maria ist dort, gekrönt durch zwei von oben herabschwebenden Engeln, zwischen Gott Vater, dem Gütigen, Sinnenden, und Gott Sohn, dem durch so viele Schmerzen hindurchgegangenen Erlöser.
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Und noch höher steigt der Blick zur höchsten Spitze des Altars. Das letzte Wort spricht dort der auferstandene Erlöser mit der leider abgefallenen Siegesfahne in der erhobenen Linken.

c_creglingen_riemenschneider_altar021 c_creglingen_riemenschneider_altar022 Der ganze Herrgottsaltar verkündet Frieden und Freude im heiligen Geiste, in dem, harmonischen Zusammenklang aller seiner Teile ebenso wie in der seelischen Verklärung der Gesichter und Gestalten, in der Beseelung selbst der Hände und der bald heftig bewegten (Engel), bald weichen und ruhevollen, bald eckigen und schweren, bald schützenden (Heimsuchung) und verhüllenden Gewänder. Hier ist die Gotik wahrlich keine leere Form, sondern Wirklichkeit gewordenes Erleben der christlichen Seele. Eine jüngste Epoche hat behauptet, unsere mittelalterlichen Kunstwerke seien nicht Werke aus dem Geist der christlichen Kirche, sondern Schöpfungen der aufflammenden nordischen Seele gegen fremde christliche Übertünchung. Niemand wird nach unserer Wallfahrt zu Creglingens Kunstwerken so urteilen. Diese Werke sind wahrlich nichts anderes als die innigste Vermählung der deutschen Seele mit dem christlichen Geist, aus dem Urgrund christlichen Erlebens heraus geschaffen, unser Riemenschneideraltar ebenso wie Meister Erwin von Steinbachs Münster in Straßburg oder Johann Sebastian Bachs Matthäuspassion. Sie sind nichts anderes als ein sichtbares Hereinragen der ewigen Kräfte Gottes und seines lieben Sohnes in unsere so unvollkommene Welt, uns zur Mahnung, daß auch wir trachten mögen nach diesem Reiche Gottes und seinem Heile: „Himmelan, nur himmelan soll der Wandel gehn!" (1. G. Schönerer.)

Wenn wir nun Abschied von unserem Gotteshaus nehmen, so wollen wir es nicht bloß als ein edles Zeugnis unserer Vergangenheit ansehen. Es ruft uns vielmehr von allen Seiten zu: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!" (Goethe), Hat nicht ein Michael Wolgemut, der Lehrer Albrecht Dürers, auf den noch gar nicht besprochenen Seitenflügeln unsres Hochaltars in seiner feinen Farbgebung den Ölberg, die Kreuztragung, Grablegung und Auferstehung des Heilands in unsre deutsche fränkische Landschaft und Gegenwart hineingestellt, so daß man meint, ungefähr Gegenden wie unser Creglingen oder Weißenburg oder Pappenheim zu erkennen? Das heißt aber: Christus ist nicht für ferne, fremde Menschen, sondern für uns hic et nunc (hier und jetzt) gestorben und auferstanden! Ist nicht auch die deutsche Seele eine „anima naturaliter Christiane" (Tertullian). So möge auch heute noch unsre fromme Einkehr in Creglingen uns helfen zur Erschließung der irdischen und der himmlischen Heimat für uns „Wanderer zwischen beiden Welten"! c_creglingen_riemenschneider_altar150bild c_creglingen_riemenschneider_altar180ausschn c_creglingen_riemenschneider_altar210ausschn d_creglingen_riemenschneider_altar070 d_creglingen_riemenschneider_altar090ochs_esel d_creglingen_riemenschneider_altar130