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Südwestpresse 10.06.2006


Wenn zwei Gemeinden aus zwei Ländern den gleichen Namen haben, liegt nichts näher, als dass sie sich freundschaftlich verbinden. So ist es eigentlich auch gar nicht verwunderlich, dass der Tübinger Stadtteil Kilchberg und Kilchberg bei Zürich seit 50 Jahren Partnergemeinden sind.

Aber so einfach ist das nicht. Die schwäbisch-schwizerische Jumelage wurde nämlich ganz und gar nicht offiziell eingefädelt. Es war vielmehr ein rechter Bubenstreich, der sie im Jahr 1956 auf den Weg brachte. Ausgedacht hatte ihn sich Joachim Mohr, besser bekannt: als Jochen Mohr. Er und sein Zwillingsbruder Klaus waren die jüngsten der insgesamt sieben Geschwister im Pfarrhaus von Kilchberg; das zu jener Zeit noch nicht nach Tübingen eingemeindet war. Und dem damals knapp 14-jährigen Jochen muss es im April 1956 schlicht ein bisschen langweilig geesen sein: „Wissen Sie", sagt er heute, „Kilchberg war ein kleines Dorf, und es gab keine Fernseher und keine Computer."

Weil in Kilchberg die Bürgermeisterwahl anstand, kursierte im Dorf ein Flugblatt: „Kilchberger Bürger, geht am Sonntag zur Wahl und wählt Richard Henne, lasst euch nicht beirren." Dieses Flugblatt nun steckte Jochen Mohr, in einen Briefumschlag und schickte es nach Kilchberg bei Zürich.

Den Ort kannte er keineswegs aus der intensiven Beschäftigung mit der Biographie Thomas Manns, der dort die letzten 40 Jahre bis zu seinem Tod lebte, und unter anderem sein letztes großes Werk, den Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" verfasste.

jmohr

Ein Brief aus
Kilchberg

Partnerschaft begann mit einem Scherz

Nein,dem Pfarrersohn aus Kilchberg bei Tübingen war das schweizerische Kilchberg vom Etikett seiner Lieblingsschokolade vertraut: Lindt & Sprüngli, die dort noch heute residieren.

„Aus Jux und Tollerei" habe er den Brief verschickt und „auch noch den Absender drauf geschrieben", so Mohr. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Der Gemeindepräsident des schweizerischen Ortes höchstpersönlich schrieb zurück: Er habe von Kilchberg bei Tübingen gar nichts gewusst und wolle Kontakt aufnehmen. Eine Weile sei das Antwortschreiben auf dem Schreibtisch des Vaters liegen geblieben, erinnert sich Jochen Mohr. Aber der Gemeindepräsident aus der Schweiz ließ sich tatsächlich „nicht beirren" und hakte nach. Schließlich landete die Post vom Zürichsee doch im Kilchberger Rathaus, und es kam, wie es kommen musste.

Im Oktober '56 reiste die erste Delegation aus der Schweiz an den Neckar. Seither rissen die Kontakte nicht ab, wurden vor 25 Jahren zur offiziellen Städtepartnerschaft erhoben. Für Jochen Mohr fiel bei jedem Besuch Schokolade ab.

Zur 50-Jahrfeier am morgigen Sonntag reist er heute trotzdem nach Kilchberg bei Zürich. Und das nicht allein: Im Bus sitzen auch der Kilchberger Ortschaftsrat, Tübingens Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer und ihr Vorgänger Eugen Schmid. Wenn man es so will, hat sich Jochen Mohr mit seinem Streich sogar ein richtiges Geburtstagsgeschenk gemacht. Denn heute wird der frisch pensionierte Mathelehrer 64 Jahre alt.
Uschi Hahn
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