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Kilchberg   Die liebens­werte Gemeinde
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Pfarrer Keller

Nachruf von Hans Bosshard, Kilchberg/Zürich

Martin Keller, 34 Jahre lang Pfarrer in Kilchberg/Zürich

"Alles hat seine Zeit'' war das Leitwort der Silvesterpredigt, die Pfarrer Martin Keller am 31. Dezember 2016 in Kilch- berg hielt. , sagte er zum Schluss und wies darauf hin, dass er gegen Ende des folgenden Jahres sein Kirchenamt abgebe. "Es wird so sein, dass dann alles, was ich je für Kilchberg getan habe, in andere Hände gelegt wird."

Auf den Tag genau ein Jahr später, am 31. Dezember 2017, ist Martin Keller an einer Hirnblutung gestorben. Bestürzung und tiefe Trauer hat alle erfüllt, die den hoch geachteten und beliebten Pfarrer gekannt haben; viele waren ihm noch bis vor kurzem begegnet und konnten die Nachricht von seinem plötzlichen Hinschied kaum fassen. Er hatte sich nach der Pensionierung auf seinen wohlverdienten Ruhestand gefreut; es schmerzt daran zu denken, dass ihm dies jetzt verwehrt ist.

Martin Keller gehörte zu den hervorragenden Persönlichkeiten, die das Leben in Kilchberg während der letzten Jahrzehnte geprägt haben. Während 38 Jahren wirkte er erfolgreich in der evangelisch-reformierten Kirche unseres Kantons, davon 34 Jahre in unserer Gemeinde. Zahllose Kilchberger wurden von ihm getauft, konfirmiert, verheiratet und bis zum Lebensende betreut.

Darüber hinaus hat Martin Keller in vielfacher Weise zum Gemeindeleben beigetragen. Und er setzte sich in der Synode, dem reformierten Kirchenparlament unseres Kantons, für die Weiterentwicklung der Kirche in den schwierigen Zeiten des allgemeinen Mitgliederschwunds ein.

Martin Keller wurde am 11. Januar 1952 in Thalwil geboren. Dort verbrachte er seine Jugendjahre; er besuchte dann das Gymnasium in Zürich und studierte Theologie. Schon früh fasste er den Beschluss, Gemeindepfarrer zu werden. Den Schwerpunkt seiner Tätigkeit wollte er – neben dem Gottesdienst – in den persönlichen Kontakt mit den Gemeindegliedern setzen, im Gespräch auf der Strasse, bei Hausbesuchen oder in Gruppen verschiedenster Prägung.
Seine Lehre als Vikar machte er beim Obdachlosenpfarrer Ernst Sieber, der keine Berührungsängste kannte und dessen direkten, "fadengeraden" Umgang ohne Rücksicht auf Stand oder Rang einer Person er bewunderte. Vor 34 Jahren wurde Martin Keller Gemeindepfarrer in Kilchberg. Dabei übernahm er auch eine Tätigkeit als Lehrer am Gymnasium Freudenberg in Zürich. Ebenso befasste er sich eingehend mit der Geschichte und Kultur der Kirche Kilchberg. Das von ihm verfasste Neujahrsblatt 1987 mit dem Titel "Die Kirchen im Dorf" zeugt von seiner Verbundenheit nicht nur mit der Kirche, sondern mit der ganzen Gemeinde.

Martin Keller zögerte nicht, sich auf der Kanzel mit markiger, oft humorvoller Rede an seine Zuhörer zu wenden. An verschiedenen Anläs- sen gab er seine grosse Glaubenserfahrung und sein umfassendes Wissen in eindrücklicher Weise weiter; die Aufmerksamkeit des Publikums war ihm immer sicher. Ob er in der Gemeinde im Talar, im schwarzen Anzug oder in der grünen Windjacke erschien, immer suchte er die Nähe zu den Leuten. An Dorfanlässen wie dem Chlausmärt im Stockengut trat er oft überraschend unkonventionell auf und wurde von Gross und Klein freudig begrüsst.

Im Grund war Martin Keller anders, als man ihn auf den ersten Blick wahrnahm – ein hochintelligenter, besonnener Mensch, mit umfasseder Bildung besonders in Musik, Geschichte und Geographie. Was ihn besonders auszeichnete, war seine Haltung, nie jemanden zu verurteilen; jeder Moralismus war ihm fern. Blues-Musik war seine Leidenschaft.

Die Oekumene, die gegenseitige Öffnung zwischen Protestanten und Katholiken, war für ihn von grosser Bedeutung. Er half, oekumenische Jugendtreffen und Gesprächsreihen zu organisieren, und unterstützte das von beiden Kirchgemeinden ge- tragene Entwicklungshilfe-Projekt EPROBA in Kinshasa, Demokratische Republik Kongo. Wichtig waren ihm interkonfessionelle Gottesdienste, besonders seit der Amtsübernahme von Andreas Chmielak als katholischer Pfarrer der Kirche St. Elisabeth.

Im Juli 2017 wurde Martin Keller von der Kirchenpflege in die Pension entlassen. Seinen berührenden Abschiedsgottesdienst hielt er am 8. Juli; als Leitgedanken seiner Predigt wählte er "Mach dich auf und geh!" Darauf folgte im Kirchgemeindehaus eine würdevolle, von herzlicher Stimmung getragene Feier, wie sie selten jemand zum Abschluss des Berufslebens erfährt.

Bis Ende Oktober blieb er noch im Amt als Verweser. Seinen Wohnsitz verlegte er darauf nach Langnau am Albis. Die Silvesterpredigt seines Nachfolgers Christian Frei erlebte er nicht mehr.

Am Tag der Abdankung, dem 18. Januar 2018, werden zahlreiche Kilchbergerinnen und Kilchberger und viele Andere dieses ausserordentlichen Dorfpfarrers gedenken.

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