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Hella Mohr



Vortragsmanuskript



Schwierigkeiten einer emanzipierten Frau am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert



Zum 150. Geburtstag von Isolde Kurz
21.12.1853 - 6.4.1944
ISNB 3-00-012211-7



Inhaltsverzeichnis

Die Seitenzahlen beziehen sich auf die gedruckte Ausgabe
  Vorwort 7
I Einleitung 8
  Im Zeichen des Steinbocks (Gedichtauszug) 8
  Charakterisierung 9
  Isoldes Kindheit 11
  Isoldes Lehrzeit Gedicht vom Onkel 16
  Liebschaften 17
  Abschied von Tübingen Gedicht 22
II Die Stellung der Frau in der Gesellschaft 23
  München 25
  Florenz 26
  Isoldes Werke 29
  Forte dei Marmi 32
  Die Bleibenden, Gedicht 34
  München und Tübingen bis zum Tod 36
  Bild des Grabes von Marie und Isolde Kurz
III Die "greise" Dichterin 38
  Meine einzige Begegnung mit Tante Isolde 41
  Das Lämpchen Gedicht 42
  Isoldes politische Einstellung 42
  Schwert aus der Scheide Gedicht 43
  Einstellung gegenüber Juden und Behinderten 45
  Weitere Gedichte 49
       Letzte Fahrt  
       Wegwarte  
       Purpurne Abendröte  
       Bedrängnis  
  Quellenhinweise 52
  Anmerkungen 54


Vorwort

Am 21. Dezember 2003, also am 4. Advent in diesem Jahr, würde Isolde Kurz ihren 150. Geburtstag feiern. Das Deutsche Literaturarchiv in Marbach plant eine Ausstellung und ein Magazin, ebenso finden in den Orten, wo Isolde gelebt hat, Gedenkveranstaltungen statt. Hier in Tübingen gab es früher für Hermann und Isolde Kurz öfter, sogar durch Prof. Dr.Walter und Dr. Inge Jens, Lesungen und Stadtführungen. Ich bin gespannt, ob als Höhepunkt in diesem Jahr wohl von ihnen noch eine Veranstaltung zu Isoldes 150. Geburtstag sein wird? Der Schwäbische Heimatbund machte zum Auftakt, zusammen mit dem Kulturamt Tübingen, eine Szenische Lesung drei Tage nach Isoldes Todestag am Mittwoch, den 9.April 2003 um 18 Uhr im Stadtmuseum. Mit mir las hier die angehende Studentin Candida Klinzing aus Isoldes Werken und aus Zweitliteratur. Für dieses Manuskript stand mir die ausgedehnte Kurz-Büchersammlung meines Vaters, zum Teil sogar mit persönlichen Widmungen, zur Verfügung. Dazu kamen noch Auszüge aus Marie Kurz ihren Tagebüchern und Briefen und Berichte aus einigen alten Zeitungen.

Mit großem Interesse habe ich viel aus Isoldes Büchern gelesen. Ich habe mich auch bemüht, leider vergeblich, bei einigen Verlagen eine Neuausgabe von Isoldes Werken anzuregen, da leider nur noch die "Italienischen Erzählungen" (Phaidon-Verlag) im Handel erhältlich sind. Meist war die Antwort: "Die Dichterin ist zu wenig bekannt!" Hoffen wir, daß sie es nach diesem Jahr wieder wird! Ich, als Laie, will gerne versuchen, mit Fachleuten zusammen, das Bild meiner Tante Isolde wieder lebendiger werden zu lassen. Sehr hilfreich für diese Vorbereitung war mir auch die sehr gute Dissertation von Marion Onodi, Würzburg 1989, der ich zu besonderem Dank verpflichtet bin. Herzlicher Dank auch den Mitarbeitern des Deutschen Literaturarchivs, Frau Heidi Stelzer-Kurz, Reutlingen, Herrn Jürgen Schweier, Kirchheim/Teck, Herrn Herbert Vincon, Perouse, Herrn Frieder Miller, dem Leiter des schwäbischen Heimatbundes Tübingen, Herrn Prof. Dr. Wilfried Setzler, meiner Schwester Marie-Luise Mündlein-Mohr, meinen Brüdern Heinrich und Dr. Joachim Mohr, Frau Dr. Dora Steuer Esslingen und Frau Gertrude Roßmann Endersbach für Hilfen und Hinweise.

(Hinweis : Quellennachweise und A = Anmerkungen findet man ab Seite 52)

Tübingen, April 2003 Hella Mohr



I

Einleitung

Im Zeichen des Steinbocks

"Ein Flockensturm, als ging' die Welt zu Ende,
Die lange Nacht der Wintersonnenwende!
Und morgen tritt durchs winterliche Haus
Des Steinbocks die verjüngte Sonn' heraus.
Altheil'ges Juelfest, Urväterwonne,
Des Lichts Triumphtag, die Geburt der Sonne,
Dich ehr' ich zwiefach, alter Weihebrauch:
Der Sonne Wiegenfest ist meines auch.
Ja, ich betrat die Welt beim Sonnensiege,
Und unterm Steinbock stand auch meine Wiege,
Zum Sinnbild nahm ich ihn, zum Wappentier,
Sein hohes Zeichen, was bedeutet's mir?..."

(Gedichtauszug A 1)

Isolde, den Namen erhielt sie, weil ihr Vater gerade das 583 Seiten lange Gedicht: "Tristan und Isolde" von Gottfried von Straßburg übersetzt hatte. Dies war übrigens eine seiner schwersten Meisterleistungen. Der von Kurz ergänzte fehlende Schluß zu diesem Gedicht regte Richard Wagner zu seiner Oper an. Hermann Kurz schrieb in einem Brief, daß so eine Übersetzung aus dem Mittelhochdeutschen viel schwieriger gewesen wäre, wie seine Übersetzungen von Shakespeare und anderen. Es ist eine wunderschöne Sprache wie das Beispiel auf Seite 509 zeigt:

..."Karsie und die klaren
Frauen, die dorten waren,
Führten die glühende holde,
Wonnige Magd Isolde
Zu ihrem Herrn Tristanden,
Den sie zu Bette fanden,
Hinein in die Kemenaten,
Allwo sie den Segen thaten
Und gingen und wünschten gute Ruh.
Karsie machte die Thüre zu.
Da stund Herr Tristan auf und schloß
Dafür noch einen Riegel groß.
Dieweile nun daß Herr Tristan
Abzuschließen die Thüre begann,
So lag seines Herzens Fraue dort
Und seiner neuen Freude Hort,
Die weißgehande schöne Isot..." usw.



Wilhelm Hertz (A 2) erklärt woher der Name Isolde kommt: "Die Deutung geht von der ältesten Form Iseut oder Iselt aus und in der germanischen Form Ishilt = Eishild ist er einer der kriegerischen Frauennamen, ein echter Walkürenname... - Isolde heißt die Schöne, die Lichte, vor allem aber führt sie den Beinamen - diu blunde..."

Zuerst durch ihre Gedichte wurde Isolde Kurz im 19. Jahrhundert in ganz Deutschland bekannt. Die "Florentiner Novellen" verschafften ihr dann den internationalen Durchbruch und den Ruf als beste Dichterin Deutschlands. Aber wieso ist diese Frau so schnell vergessen worden?

Charakterisierung

Im neuen Brockhaus Band 12, Seite 640 steht:...

"...Kurz schrieb aus der Tradition der schwäbischen Romantik und mit klassischem Formbewußtsein, beeinflußt vor allem von J.Burckhardt und de Maupassant. Vom Italienerlebnis sind ihre Novellen und Erzählungen ("Florentiner Novellen" 1890, "Die Stadt der Unsichtbaren" 1927, "Die Nacht im Teppichsaal" 1933) bestimmt, deren beste ihre Stoffe aus der italienischen Renaissance nehmen. Im Alter überwiegen die autobiographischen Werke wie "Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen" 1938...."

K. H. Bühner schrieb schon am 26. 11. 1938 in der Stuttgarter Zeitung u.a.: "...Die "Pilgerfahrt" reizt in vieler Hinsicht zu Widerspruch im Prinzipiellen mancher Ansichten..." Mit den Zeitungsberichten über sie und ihre Werke war Isolde selten zufrieden.

Marion Onodi meint 1988, "...daß es wohl an der Vielseitigkeit dieser Schriftstellerin liegen könnte, die sich in fast allen Gattungen und den verschiedensten Themenkreisen versuchte und dabei Dichtungen von recht unterschiedlicher Qualität hervorbrachte. Würde man Isolde Kurz Werke daran messen, was sie für die zeitgeschichtliche Entwicklung für eine Aussagekraft haben, zum Beispiel die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder andere literatur-soziologischen Kriterien, so wäre sie heute durchaus eine populäre Autorin ihrer Zeit! Dieser Aspekt wurde aber in bisherigen Untersuchungen über Isolde Kurz noch gar nicht berücksichtigt... Außerdem hat sie dies auch selbst vereitelt, indem sie sich in ihren Selbstaussagen in einseitiger Weise als Außenseiterin stilisierte. Meist wurde diese Selbstdarstellung von der Forschung auch kritiklos übernommen..." (A 3)

Weiter schreibt Onodi: "Isolde Kurz ist nicht so leicht in ein Schema zu pressen. Obgleich mit der Frauenrolle ihrer Zeit keineswegs einverstanden, war sie doch keine Feministin; dem Geburtsland Schwaben eng verbunden, ist der Begriff "Heimatdichterin" zu eng für sie; aufgrund ihrer Renaissance-Stoffe sie als weltfremde "Historienschreiberin" festlegen zu wollen, erscheint ebenso verfehlt wie sie als "Epigonin der dt. Klassik" einzuordnen... Recht hat wohl Otto Ernst Hesse, (A4) der Isolde 1931 in seinem Büchlein: "Isolde Kurz, Dank an eine Frau" eine Mär über sie zersteuen will. Er schrieb hier: "Isolde war keine Epigonin, die in einer historisierenden, halb verschollenen Welt lebte. Es gibt außer der jüngeren Ricarda Huch, keine lebende Dichterin, deren Werke so voller Problematik, so voller, wenn auch meist verborgener Aktualität, steckt, wie das von Isolde Kurz. Weil sie sich mehrfach mit der italienischen Renaissance essayistisch und novellistisch befaßt hat, - es ist übrigens schon mehr das Barock der Stadt Florenz, dem ihre Liebe zuneigt -; weil sie eine Hellasschwärmerin ist und die Antike, die echte des klassischen Griechenland, ja das archaische liebt, hat jener unermüdliche Stamm von Verfertigern sogenannter Literaturgeschichten, die sich nicht die Mühe nehmen, ein Lebenswerk wirklich organisch zu erfassen, geschweige denn zu deuten, ein Bild dieser Frau festgesetzt, das einige Vokabeln wie "Wandertage in Hellas", "Florentiner Novellen" und "Stadt des Lebens" von Handbuch zu Handbuch forterbt. Hellas und Toskana sind nur eine Schicht dieser Seele, das gepflegte Erbtum der Historie nur ein Unterbau ihres Wesens, das fest in der Gegenwart steht. - Ich halte die "Italienischen Erzählungen", jene Novellen, in denen das heutige, das heißt das Vorkriegsitalien bis 1913 in Gestalten hauptsächlich aus den Volksgeschichten gestaltet wird, für wesentlicher als die "Florentiner Novellen" oder den historischen Roman "Nächte von Fondi". In diesen Novellen aus heutiger Zeit kommt, wie in den zahlreichen deutschen Novellen, die fortlaufend erschienen, und in den genannten zwei großen Romanen, zu denen noch ein dritter kleinerer, "Der Caliban" betitelt, kommt die hochgezüchtete Technik, das aus der Tradition erkannte und zu persönlichstem Stil erweiterte epische Handwerk zu stärkster Geltung. Denn eines springt auch dem flüchtigsten Leser in die Augen: diese Frau kann erzählen wie wenige im erzählerisch nicht gerade begabten Deutschland. - Hermann Kurz mag diese Gabe seiner Tochter mitvererbt haben... Die großen Künstler der lateinischen Rasse von Boccaccio bis auf Maupassant sind ihre Studienobjekte gewesen... Sie weiß auch den Unterschied zwischen Roman und Novelle ganz genau... Sie kann wahrhaftig eine Lehrmeisterin sein - vorausgesetzt, daß die künftige deutsche Erzählungskunst von der stofflichen Sensation wieder zur Formbesinnung zurückzukehren gewillt sein wird." Hesse schrieb dies in den 30er Jahren.

Isoldes Kindheit

In Reutlingen und Tübingen ist im Gegensatz zu vielen andern Städten der Name Isolde Kurz und ihre Familie bekannt. Trotzdem möchte ich noch einmal kurz Isoldes Lebensweg schildern. Geboren als zweites Kind unter fünf Geschwistern ist Isolde in Stuttgart in der Paulinenstrasse 19, (im selben Haus wie später Karl Lautenschlager) am 21. 12. 1853, also vor 150 Jahren. Das Geburtshaus steht zwar nicht mehr, aber eine Tafel, die man auch heute noch findet, erinnert an die Dichterin.

Ihre frühesten Erinnerungen, schildert sie in ihrem Buch "Aus meinem Jugendland." Es waren Spaziergänge zum Stuttgarter Schloß; doch zuerst schildert sie ihre Erinnerung an Bad Liebenzell, wo die Familie im Sommer 1855 drei Monate zur Erholung in der guten Schwarzwaldluft war. - Die ersten sechs Jahre verbrachte Isolde Kurz in Stuttgart, wo die Familie nach häufigen Umzügen zuletzt in Cottas schönem Königsbad mit dem herrlichen Garten wohnte. Der Vater Hermann war Redakteur an der Oppositionszeitung "Der Beobachter", eine Stelle, die er ein Jahr nach Isoldes Geburt aufgab, um nur noch als freier Schriftsteller zu leben. Die Familie hatte nun kein festes Einkommen mehr. Die Mutter Marie, das Freifräulein, das 1848 sein "von" aus dem Namen von Brunnow strich, (sie war ja eine "blutrote Republikanerin,") schrieb in Stuttgart ihr Märchenbuch, nicht weil sie meinte eine gute Schreiberin zu sein, sondern um mitzuverdienen. Ihre freiheitlichen Ideen und ihre glühende Verehrung der klassischen griechischen Kultur spiegelten sich in der Erziehung ihrer Kinder wider. Isolde lernte im Alter von drei Jahren lesen und schreiben. Schon als Kind las sie auch Homers Ilias und lernte Uhlands Gedichte und ganze Schillerballaden auswendig:: "Die Götter Griechenlands", "Die Klage der Ceres", "Kassandra" und vor allem "Das Siegesfest" waren mir die liebsten... Alle, bis auf die "Bürgschaft", die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und verstimmt abgleiten ließ, entzückten mich sehr... Die "Bürgschaft" ist zeitlebens auf dem Index geblieben, ein Beweis für die vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeboren Innenwelt... Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor allem ankommt...

Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Esslingen angestellt... Alle andern Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lernen leicht... Neben unserem Unterricht und der Hausarbeit führte Mama noch begabte Dorfmädchen ins Französische und in die Literatur ein..." (A 5)

Im folgenden Wohnort Oberesslingen, wo sich die Kinder im Hopfschen Garten austoben konnten, bauten sie den griechischen Göttern Altäre, oder sie spielten in selbstgebastelten Rüstungen den trojanischen Krieg nach. Sie durften mit ihrer Armbrust auch im Haus nach Bildern und Gipsbüsten schießen oder über den Flügel springen, wenn die Kampfhandlungen dies erforderlich machten. Man nannte die Kurz-Kinder nun die Heidenkinder. Wenn man das liest wird einem schnell klar, warum Isolde Kurz ihren Zeitgenossen fremdartig vorkommen musste. Die Familie ging auch nie in die Kirche. Selbst heute, nach 150 Jahren würden solche Kinder auffallen, die eine vergleichbar liberale und unkonventionelle Erziehung genossen hätten. Isolde schreibt auch wie schön es war, daß sie als kleines Mädchen schon im freien Neckar in Esslingen baden durfte und wie sie dabei einmal schier ertrunken wäre.

Isolde war in der Esslinger Zeit sechs bis neun Jahre alt, dann lebte die Familie noch in äußerster Armut eineinhalb Jahre in Kirchheim/Teck, wie die Mutter schrieb, in den "pietistischsten" Ort von Württemberg, bis Hermann Kurz und seiner Familie 1863 eine feste Anstellung als Unterbibliothekar in der Tübinger Universitätsbibliothek auf dem Schloß oben aus der ärgsten Not half. Was Kurz hier verdiente reichte allerdings nicht mal für das Nötigste, was die inzwischen achtköpfige Familie zum Leben brauchte.

Isoldes Brüder Edgar, Alfred, Erwin und Garibaldi konnten hier in Tübingen nicht nur zur Schule gehen, sondern evtl. auch später studieren. Für Isolde kam der Besuch einer Mädchenschule aber auch hier überhaupt nicht in Frage, da die Eltern nichts davon hielten; sie durfte auch nicht in einem Chor mitsingen, nicht mit anderen Kindern Theater spielen und wuchs allein, nur unter ihren vier Brüdern auf. Wie schwierig das war, darüber klagt sie nicht wenig. Während sie sich mit Edgar, dem älteren Bruder als Kind gut verstand, hatte sie ständig Krieg mit dem jüngeren Brüdern, vor allem mit dem derben Alfred. Isolde spielte auch viel allein auf dem Wöhrdplatz oder an der Steinlach hinter dem Haus. Sie war jetzt zehn Jahre alt.

Die Familie wohnte zuerst beim Bahnhof in der Karlstrasse im heutigen "Epple-Haus" im Dachstock. Isolde wollte nicht immer allein sein. "Als ich im Winter einmal wagte, trotz meiner Furcht allein auf die Strasse zu gehen, kam mir im engen Mühlgäßchen, das damals zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt, bedeutend enger und steiler war als heute, eine Horde Schuljungen entgegen, die bei meinem Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen überschütteten, worin zum Teil sogar Steine geballt waren... Nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Bruder Alfred, der tat, als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen, sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den Mördern sah... Es wollte mir fast das Herz abdrükken, daß der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen Widersachern gehörte... Ich erfuhr erst in seinen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich schämte... Damals machte das böse Gewissen nur, daß er sich immer mehr im Trotz gegen mich versteifte..." (A 6)

Mit Edgar, dem nicht mal ein Jahr älteren Bruder dichtete oder lernte Isolde, unter Leitung der Mutter, in jungen Jahren viel, bis Edgar als Gymnasiast dies nicht mehr behagte. So unterrichtete die Mutter Isolde in Französisch, Englisch, Italienisch, vor allem Literatur und Philosophie. Isolde schreibt in ihrer Rückschau, daß sie zwar gern und viel gelesen hat, wahllos, was sie im Bücherschrank fand, aber ihr Unterricht vor allem bei der Mutter, ohne System doch viele Lücken hatte, die Isolde erst in späteren Jahren sich bemüht hat aufzuholen.

Erwin, der kleinere Bruder war friedlich, aber als Spielgefährte zu jung und Garibaldi, genannt "Balde" lag viel im Bett, seit er mit fünf Jahren an dem damals in Tübingen grassierenden Gelenkrheuma mit Herzleiden schwer erkrankt war, was ihn leidend machte.

Isolde verschanzte sich, wie sie schreibt, in ihrer Einsamkeit dann oft in ihrem "inneren Turm", wo sie in ihrer Welt lebte und heimlich Gedichte machte, die aber zu Isoldes Entsetzen immer wieder entdeckt und von der stolzen Mutter der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Sie hatte ja keine eigene Ecke, oder gar einen verschließbare Schublade wie Edgar, der älteste Bruder.

An Lesestoff fehlte es Isolde als Kind nicht. Aus Vaters Schrank durfte sie sich wahllos alle Bücher herausnehmen und las viel, auch Sachen, die sie überhaupt in dem Alter noch nicht verstehen konnte. So holte sie eines Tages auch Vaters Bibel hervor, las darin und war entsetzt über die grausamen Geschichten des alten Testaments. Vom Neuen Testament gefielen ihr die Wohltaten des Jesus. Aber bis zum Lebensende konnte Isolde nicht begreifen, daß ein Gott so grausam war und seinen Sohn am Kreuz so elend sterben ließ. Auch das Schicksal des Judas missfiel Isolde. Sie konnte auch niemand fragen, da die Mutter alles Religiöse von den Kindern fern hielt. Sie wollte ihnen die Gewissensqualen, die sie selber als Konfirmandin erdulden mußte, ersparen. Hätte Isolde einmal ein Werkstattgespäch zwischen Prof. Jens und Prof. Kuschel, das im Jahr 2003 im "Studium generale" stattfand, wo Walter Jens sogar gefragt wurde, warum er den Judas selig gesprochen hat, miterleben dürfen, so wären ihr wohl viele lebenslängliche Zweifel und Fragen erspart geblieben. Man merkt in all den Äußerungen der Mutter, wie sehr sie ihr Kind bewundert und unterstützt. Nur Isoldes Geist, ihre Malkünste und ihre dichterischen Neigungen wurden von beiden Eltern unterstützt, wobei die stolze Mutter allerdings die kindlichen Versuche von Isolde wohl doch überbewertete. Mit vierzehn lernte Isolde Latein bei Ernst Mohl, bald auch noch griechisch und Sanscrit, später bei einem russischen Studenten, dem sie deutsch gab noch russisch. Es war auch außergewöhnlich, daß ein Mädchen der damaligen Zeit in so jungen Jahren schon Geld verdiente wie Isolde durch Übersetzungen und Beiträge zum "Novellenschatz", den ihr Vater mit Paul Heyse zusammen herausgab. Durch die Übersetzung des zweibändigen Romans von Ippolito Nievo: "Erinnerungen eines 80jährigen" verdiente Isolde, (allerdings da schon dreiundzwanzigjährig), die stolze Summe von eintausend österreichischen Gulden, mit denen sie das schöne Grabmal für ihren Vater auf dem Tübinger Stadtfriedhof von Professor Karl Kopp, Stuttgart bezahlen konnte. Sie war enttäuscht, daß weder die Stadt Reutlingen noch Tübingen Anstalten machten ihrem Vater, dem Dichter, ein würdiges Grabmal zu spenden. (A 7)

Durch ihr völliges Anderssein hatte Isolde ja immer, schon als kleines Mädchen, gegen die ihr unverständliche Tübinger Bürgerschaft zu kämpfen. Ein andermal unternahm sie wieder allein eine Forschungsreise in die Stadt und schildert dieses Erlebnis:

"Man hatte mir mein schönstes weißes Mullkleid mit blauer Gürtelschleife angetan, in das lange offene Haar, auf dessen Goldfarbe die Mutter so stolz war, hatte sie mir ein blauseidenes Band geschlungen, und so zog ich unternehmend meines Weges. Als ich nun von der langen Gass' in das seitliche Gewinkel eindrang, flog mir ein kleines Gogenkind mit Jubelschrei entgegen und wollte in meine Arme stürzen, denn es sah mich augenscheinlich in meinem Putz für einen Weihnachtsengel an. Da kam eine ältere Schwester aus dem Haus gerannt und riß entsetzt die Kleine vor mir weg... Sie sagte, mit dem Ausdruck tiefsten Grauens auf mich weisend: so sehen die Heiden aus! Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen ein kleines Mädchen." (A 8)

Woher der Name "Goge" (Bezeichnung der Tübinger Weingärtner) herkommt, meint Isolde, weiß niemand. Man sage zu ihnen auch Raupen. Isolde vermutet, daß dies wohl die Verketzerung des lateinischen Wortes Pauper sein könne, "womit man in der gelehrten Musenstadt die am Freitagmorgen von Tür zu Tür singenden Volksschüler bezeichnet. Wie dem auch sei, beide Namen, Gogen wie Raupen, wurden von ihren Trägern ungern gehört und pflegten eine tätliche Abwehr nach sich zu ziehen." (A 9)

Isolde durfte auch nie wie andere Mädchen die "gehirntötende Haus- und Handarbeit" verrichten. Hier hatte die Mutter, die selbst jede grobe Arbeit tat, ihren eigenen Standpunkt. "Nur Papas Schreibtisch abstauben und seine Lampe in Ordnung halten, durfte ich... Dafür nahm er mich auch öfter auf seinen einsamen Spaziergängen mit..." Hierbei lernte das Kind auch viel von ihres Vaters überdurchschnittlichem Wissen und bekam Werkzeug für ihre späteren schriftstellerischen Fähigkeiten.

Einmal, vermutlich in der Zeit als die treue Hilfe Josephine wegen einer Blutvergiftung am Arm nicht arbeiten konnte und die Mutter das Töchterlein zur Hilfe brauchte, sah dies schmunzelnd der Onkel Ernst und verfertigte folgendes Gedicht:

Isoldes Lehrzeit

Hier im irdschen Jammertale Wehe, wenn die Milch geronnen, Wird gar oft das Ideale, Wenn sie hell als wie ein Bronnen, Das allein das Leben schmückt Mangelnd der Cichorie, Vom Gemeinen unterdrückt; Morgens abläuft der Kaffee. Und selbst hochberühmte Namen, Setzt man sich zum Mittagessen, Sein es Herren oder Damen, Und der Schnittlauch ist vergessen. Sieht man oft am Karren ziehen, Wehe, wenn der Onkel spricht: Um Profanes sich bemühen. Meine Suppe ess ich nicht! Lykuba, die tränenreiche, Wehe, wenn am Abend wieder, Trug doch auch ihr Tuch zur Bleiche. Sammeln sich des Hauses Glieder, Emsig wob und spann beim Tee, Und zerstreut zu dem Salat Abends Frau Penelope. Brennöl ich, statt Mohnöl tat. -294Rahel mußte Wasser holen, Soll ich diese sauren Pflichten Und Hans Sachs mit Stiefel sohlen, Denn noch lange Zeit verrichten, Trotz dem hochpoetschen Trieb Muß ich ewig Dienstmagd sein, Nebenher die Zeit vertrieb. Kommt kein Gott mich zu befrein? Schiller mußt zur Ader lassen, Ach wie gern würd ich ja sagen, Luther nächtlich auf den Gassen Käm doch einer an im Wagen, Sich ersang sein Stückchen Brot. Oder auf dem Flügelpferd, Herkules schlug Löwen tot. Der zu holen mich begehrt, Also ist's auch mir ergangen, Der mich aus der Küche Zonen Denn, in meiner Jugend Prangen, Führt in höhere Regionen, Trage ich, - Isolde Kurz,- Wo man, frei von Erdenqual, Nunmehr einen Rupfenschurz. Huldigt mir, dem Ideal. Grumbirn schälen, Erbsen lesen, Roter Eltern echter Sprosse Stub auskehren mit dem Besen, Du gibst Anlass mir zur Glosse. 0Zucker klopfen, wenn's gebricht, Blaues Blut wird nie zu Wasser Ist jetzt meine erste Pflicht. Selbst beim ärgsten Fürstenhasser. Ja, bei Kind und Kindeskind Immer noch ein Tropfen rinnt.

Ernst Kurz (A 10)

Isolde notiert in ihrer Lebensrückschau später, daß sie auch die Haus- und Nadelarbeit noch gelernt hätte.

Die Familie war inzwischen auf den Markplatz gezogen, lebte also fast vierzehn Jahre in Tübingen. Die wichtigste Zeit verbrachten Isolde und ihre Geschwister hier, von wo aus man natürlich auch sehr oft in die Heimatstadt des Vaters nach Reutlingen ging, oder von dort Besuch bekam. Die Freundin von Marie Kurz war Marie Finckh, die Leiterin der Frauenarbeitsschule

Liebschaften

Die Mutter notiert in ihren Tübinger Tagebüchern auch ihre Beobachtungen über Isoldes zunehmende Weiblichkeit und äußerte dazu: "Isolde hat die Gestalt einer Bavaria... Sie fängt an eitel zu werden... Auch auf der Schlittschuhbahn wird das große hübsche 10jährige Mädchen von Studenten verehrt, die ihr den Hof machen und sie obendrein noch mit Fräulein anreden,... Es wäre gut, Isolde bald unter die Haube zu bringen."

Oder schreibt die Mutter, Isolde war gerade 14 Jahre alt: "Isolde ist ein verwöhntes sprödes Mädchen, die einen Korb um den anderen austeilt und schließlich sicherlich nie ihr Ideal finden wird... Sie war noch nie verliebt, so viele Anbeter sie auch hat... Politisch ist sie indifferent. International ist sie aber schon deshalb, weil sie Söhne aus aller Herren Länder zu Anbetern hat: Russen, Böhmen, Ungarn Franzosen und selbst einen dunkelfarbigen Sohn des Kaukasus..."

1873 notiert die Mutter: "Wer hätte gedacht, daß eine Tochter von uns, in den bequemsten freiesten Ansichten erzogen neunzehn Jahre alt würde, umringt von Huldigungen, die sowohl ihrem Körper als auch ihrem Geiste gelten, unbewegt durchs Leben gehen werde, eine kieselherzige Torondot ! Nicht nur weist sie seit drei Jahren alle Freier ab, sie hat nicht einmal den Drang, das Bedürfnis zu lieben! Sie ist mir ein großes unlösbares Rätsel... Ich glaube, daß der Umstand, daß sie ganz unter Männern aufgewachsen, zwar sehr ihren Geist und Charakter gebildet haben, aber dies doch daran schuld war, daß sie die Männer nie mit andern Augen ansah, als wie gute Kameraden. Vielleicht hätte weiblicher Umgang die sanftesten Erregungen erweckt. Könnte ich ihn aber herzaubern, so wie sie ihn bedürfte? Was sind das für Mädchen heutigentags?..."

Auch zum Ausgleich der vielen wissenschaftlichen Tätigkeiten waren für Isolde die Tanzveranstaltungen in den 60er Jahren nötig. Hier war sie in Tübingen dabei und auch bei den Studentenfesten in Bad Niedernau, sogar bis Bad Imnau ist man gegangen. (A 11) Zur weiteren Sportertüchtigung lernte Isolde sogar das Reiten. Allerdings war sie hier das einzige Mädchen unter männlichen Studenten. Und sie reitet sogar im Galopp durch die Tübinger Altstadt, was wieder unter den Bürgern einen Sturm der Entrüstung hervorrief.

Aus dem Archiv des Roigelhauses: "...Die Traumfrau der jungen Theologen sah etwa folgendermaßen aus: Jungfrau, etwa 20 Jahre alt, aus einer Akademikerfamilie stammend, von klassischer Schönheit, eine gute Tänzerin, Klavierspielerin und Sängerin, mit Kenntnissen in der Literatur und in der französischen Sprache, zurückhaltend, häuslich und sparsam. So bestand für den künftigen Seelsorger die Aussicht, daß das Mädchen "eine gute Hausfrau und Mutter werden würde." Man darf wohl annehmen, daß auch Studenten anderer Fakultäten und arrivierte Akademiker dieses bürgerliche Frauenideal teilten..." Nun folgt die Beschreibung von "Schweickhardt, Julie,... die schöne Müllerin... taufrische Lippen laden zu feurigem Kusse... Schwabe, Anna, Tochter des Rektors,... ... Busen nicht übel, Gesicht nicht schön aber geil. Wird immer geiler... trägt kurze Röcke und rote Strümpfe... Bräutigam macht Karriere als Hauptmann... Ölschläger, Mathilde, leidend aussehende Blondine aus der Haaggasse..."

Es folgt: "Kurz, Isolde, Tochter des 1873 verstorbenen Universitätsbibliothekars, schwäbischen Dichters und deutschen Schriftstellers Hermann Kurz. Eine majestätische Gestalt von imponierender Größe, die, wo immer sie erscheinen mag, aller Augen auf sich zieht. Ihr Gesicht ist nicht gerade schön, aber interessant. Von dem immer stolz erhobenen Haupt fällt eine Löwenmähne blonden Lockengeringels über Schultern und Rücken.

Ihr ganzer Körperbau ist voll sinnlich üppiger Schönheit mit einer Büste, wie sie nur der Pinsel oder Meißel des Künstlers zum Modell sich wünschen kann. Wenig neidisch mit ihren Reizen zeigt sie gerade jenen Teil sinnlich üppiger, aufregender Schönheit ziemlich unverhüllt den staunenden Blicken. Dem ausgebildeten oberen Teil des Körpers entspricht die Formation der unteren Extremitäten, die zu beaugapfeln Referent einmal hinreichend Gelegenheit hatte. Ihr Auftreten, ihr gesamtes Wesen ist sehr emancipiert. Sie besucht mit Corpsburschen und ihrem Bruder die "Vogtei" (ein Lokal) und frequentiert auch andere öffentliche Gelegenheiten ohne Begleitung. Man erzählt auch von einer Reise, die sie mit einem Studenten nach Frankreich, dem ihr Herz und Sinn sich zuneigt, gemacht hat. Ihr Geliebter fand seinen Tod beim Todeskampf der Commune in Paris 1871, das brennende Paris leuchtete ihm auf dem Weg zur Ewigkeit. Seitdem soll ihr Herz der Liebe unzugänglich sein." (Er meint Edouard Vaillant, stimmt aber nicht. Vaillant liebte sie, aber auch Ernst Mohl u. a.) "Isolde, als Kind ihres Vaters, hat sich auch literarisch belletristisch versucht und namentlich in Übersetzungen französischer Romane nicht unbedeutend gewirkt. Im ganzen ist sie eine hochinteressante Erscheinung, eine eigentümliche Repräsentantin des weiblichen Geschlechts, wohl werth, daß sie in diesen hoffentlich unsterblichen Blättern stehe und wenigstens so der Nacht der Vergessenheit entrissen werde.

Nachtrag vom Jahr 1876: Referent des Nebenstehenden hatte unterdessen das Glück, die nähere persönliche Bekanntschaft zu machen und in ein Freundschaftsverhältnis mit ihr zu treten. In allem, was sie bisher vor anderen ihres Geschlechts auszeichnet, kommt noch, daß sie unterdessen eine flotte Reiterin geworden ist. Referent war oft in der angenehmen Lage, sie auf ihren Reitsuiten in der Morgenfrühe, ebenso eine ganze Sommermondnacht hindurch zu begleiten und möchte auch in diesen Blättern dazu beitragen, das unwahre Gerede einfach damit niederzuschlagen: Sie ist besser als ihr Ruf!..." (A 12)

Wie glücklich ist der Candidat, Ders Reiten hat gelernt! Er ist vom Himmel in der That Nur wenig mehr entfernt. So sieht man auf dem Bilde hier Den Hartmann, diesem Bold, Er spielt den feinen Cavalier Mit der zaub'rischen Isold. Und legt er abends sich zur Ruh, Ihrer süßen Worte voll; Dann schwebt sie ihm im Traume zu, Gehüllt in zartes Moll. - Sie spricht zu ihm, sie singt zu ihm, Da ists um ihn gescheh'n, Ob jenem holden Nachtkostüms Vergeht im Hören und Sehn. Und reitet Granada zu. E. Reiniger (A18)

Isolde Kurz schildert in ihrem Buch "Aus meinem Jugendland" ihre Erfahrungen als sie einen Antrag beim Senat stellte, die "Badschüssel" wenigstens einmal wöchentlich für Frauen freizugeben:

"...Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des damals noch ungeborenen 20. Jahrhundert. Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens an einem Tag der Woche, und wäre es auch nur für eine Stunde, das Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer und eine liebenswürdige junge Professorengattin von auswärts waren meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge Mädchenleiber getummelt hatten?

Und wenn gar einer oder der andere sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen. Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! - zu deutsch: Wo hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? - zuzurufen.

Es war einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf ganz zu verlassen. (A13)

Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender Lebensabschnitt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen, daß sie ihn mir gab..."

Die oben erwähnte auswärtige Professorengattin könnte Rosalie Braun-Artaria, die Schriftleiterin der "Gartenlaube" gewesen sein, jedoch ist diese schon 1862, also ein Jahr vor Kurzens Einzug in Tübingen nach München gezogen. So gab es wohl noch eine andere modern eingestellte Professorenfrau damals in Tübingen.

Braun-Artaria schrieb im Kapitel "Das alte Tübingen" folgendes: "...Die Tübinger Geselligkeit mutete mich, die ich aus dem freien und heiteren Heidelberger Leben herkam, im Anfang seltsam genug an: das allabendliche Wirtshaussitzen der Professoren, die unendlichen Kaffeeschlachten ihrer Frauen, bei Bergen von selbstgebackenem Kuchen und Torten. Der Bildungsstand der meisten von ihnen war ein sehr bescheidener; über das Hauswesen gingen ihre Interessen nicht hinaus, und alles, was nach freierer Lebensauffassung schmeckte, galt für unsolid. Ich hörte bei einem solchen Kaffe mit Erstaunen das von einer der ersten Professorenfrauen mit starkem Selbstgefühl betonte Wort:" Die schwäbische Hausfrau reist nicht!" und ergötzte mich im stillen an der mit großer Lebhaftigkeit geführten Debatte..." (A14)

Isolde folgte 1876, dreiundzwanzigjährig dem Bruder Erwin nach München. Noch einmal kam Isolde nach Tübingen, als man sie bat beim 400. Stiftungstag der Universität am 10. August 1877 auf den herzoglichen Wagen als Muse zu stehen und vier Pferde am Zaun zu lenken und den Wagen sicher über die holprigen Tübinger Gassen zu führen. Kein anderes Mädchen hätte dies vermocht. (Es gibt von der Buchhandlung Osiander (Tübingen) ein wundervolles Leporello davon.)

Abschied von Tübingen

O Heimat, Heimat viel gescholten,
Doch viel geliebt und viel beweint,
Seit heut die letzte Sonne golden
Für mich auf deine Hügel scheint!
Nie wollt ich scheidend dich betrauern
So hatt ich trotzdem oft geprahlt:
Wie nun der Schmerz die düstern Mauern
Schon mit der Sehnsucht Farben malt!

Der Abschied löst den Bann vom Munde.
Drum eh ich fern ans Ufer stieg,
Laß jetzt in dieser Trennungsstunde
Dir sagen was ich lang verschwieg:
Du hast vom Baume meines Lebens
Die schönsten Blüten früh geknickt,
Der Jugend Lust, die Kraft des Strebens
In meiner jungen Brust erstickt!

Wie kommts nun daß ich um dich weine,
Die, statt des Lebens frischem Brot
Mir nur der Vorzeit graue Steine
Und hundertjähr'gen Moder bot?
Ich liebe dich, und dir zum Pfande
Bleibt Alles, was mein Loos mir gab,
Das Vaterhaus, des Herzens Bande,
Der Traum der Jugend und ein Grab.

So laß uns denn im Frieden scheiden,
Von Groll bewahr ich keine Spur,
Dein Bild soll ewig mich begleiten
Und wecken theure Schatten nur.
Und kehr ich einst mit müden Flügeln,
Wenn meine Bahn ein Ende hat,
Dann gönne bei des Vaters Hügel
Der Tochter eine Ruhestatt! (A 15)

II

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft

So gern die Mutter ihr einziges Töchterlein unter die Haube gebracht hätte, so sehr kämpfte schon sie ihr Leben lang für die Gleichberechtigung der Frauen. Auch der Dichtervater Hermann hat immer die Frauen neben sich und nie unter sich gestellt.

Isolde schrieb von ihm: "Mein Vater auch ein Unikum für jene Zeit und völlig ohne Geschlechtshochmut - pflegte zu sagen, er sei für das Mutterrecht der Urvölker: Da die Frau von der Mutterschaft alle Leiden und Lasten trage, sei es nicht mehr als billig, daß sie auch das erste Recht an die Kinder habe, darum ließ er ihr freie Hand."

Onodi schreibt: "Isolde hat sich in ihren Schriften so häufig zur Stellung der Frau, wie sie zu ihrer Zeit in ihren Augen war und wie sie sein sollte, geäußert, daß man dieses Problem zu ihren bevorzugten Themen rechnen kann. Sie verteidigt ihren Standpunkt dabei meist mit solcher Schärfe, daß Johannes Klein in seiner "Geschichte der deutschen Novelle" von 1954 wohl recht hat mit seinem Urteil wo er schreibt: "In ihrem Zynismus gegen den Mann, die sich in ihren Aphorismen zahlreich finden, ist sie scharfsichtig und ungerecht zugleich, wie Nietzsche in seinen Zynismen gegen die Frau." (Die Aphorismen sind allerdings nicht nur bei diesem Thema zynisch.) "Isolde Kurz nahm auch Stellung zu Nietzsches Äußerungen über die Frau. Sie warf ihm vor, bei aller seiner Umwertung der alten Werte doch selbst noch bezüglich der Stellung der Frau am Hergebrachten zu kleben, da er sie ohne schlüssige Begründung von höherer Bildung ausschließen wolle. Sein Ausspruch, die Frau solle den Mann fürchten, könne nur durch eine Weiterentwicklung des Mannes erfüllt werden, nicht durch die Unterdrückung der Frauen," schreibt Onodi: "Aber wo sind denn die Männer vor denen das Weib sich heutzutage fürchten kann? Das männliche Ideal ist dem Weibe zerstört, seitdem das Zeitalter nur Fachmenschen auf jedem Gebiet heranzieht. Sein Dämonisches ist von dem Manne gewichen und damit hat alles Fürchten ein Ende. Keine Unabhängigkeit des Weibes kann dem Manne den Zauber nehmen, den er auf sie ausübt, wenn er sich nicht selber sein begibt." (A 16)

In vielen Aufsätzen hat Isolde Kurz ihre Meinung zu den Geschlechterrollen dargelegt. Sie meint, daß die Frau in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren tiefsten Stand erreicht hätte: "Die unselbständige, tief entmündigte, ja, sagen wir es offen heraus: Die ungebildete Frau war die herrschende Norm!... Daß es ein Bettina, eine Rahel gegeben hatte, Frauen denen ihre Zeit die Färbung mitverdankte, das wirkte nicht mehr nach, es lag eingesargt in der Literaturgeschichte... Schlimmer noch als der tatsächliche Zustand war, daß dieses öde, verkümmerte, früh verblühende Gebilde zum Ideal der deutschen Frau erhoben war und mit dem Schmelz der höchsten deutschen Dichtung umkleidet zum Gretchenideal... Zehn Jahre später geboren - und ich hätte die Verhältnisse schon gebessert empfunden..." (A17)

Isolde schimpft, daß ausgerechnet Goethe, der größte Dichter Deutschlands, das deutsche Frauenideal noch hinter das Mittelalter zurückwerfen sollte! Weiter sagte sie in diesem Vortrag: " Und auch "wie schmelzend ertönte in den Konzertsälen und auf Liederfesten das Brautlied:

"Mein hoher Herr, du willst herab dich lassen beseligend zu deiner armen Magd!" Heine sang dagegen frivol von der toten Geliebten: "Den Leib möcht ich noch haben, Den Leib so zart und jung. Die Seele mögt ihr begraben Hab selber Seele genug."

Sklavin, die in Verzückung dient, oder Weibchen - Leib ohne Seele - das hatte der männliche Formungswille aus dem handlichen Plastilin gemacht. Kein heutiger Mann, und wäre er der rückschrittlichste, würde an der Gefährtin, die ihn damals erwartet hätte Genüge finden können. Die Langeweile, die sie ausströmte, trieb den geistigen Mann aus der Familie fort, ins Wirtshaus, unter Männer. Der Grund, warum der Trunk zurückgegangen ist, liegt nicht nur in der schlechten Wirtschaftslage, sondern auch darin, daß der gebildete Mann jetzt bei der gebildeten Frau geistige Anregung findet... Als ich nach Italien übergesiedelt war, fand ich die Frauen dort auf einer noch niederen Stufe, auf einer fast orientalischen. Junge Mädchen durften überhaupt nicht allein auf die Straße gehen... Maria Ebner-Eschenbach schildert ähnliche Erfahrungen wie ich... (A 18)

Aber es kamen Krieg und Umsturz - und wieder einmal brachte nach dem seherischen Wort Hölderlins "die Not an Einem großen Tage, was kaum Jahrhunderten gelingt". Die Frau stand auf einmal neben dem Manne frei wie seinesgleichen als seine wichtige unentbehrliche Mitarbeiterin. Und mit der Freiheit war sie auch schon gewachsen... Wenn ich sehe, wie ihr heute alle Ämter offen stehen und von ihr mit Ehren ausgefüllt werden, was sie auf sozialem Gebiet leistet, wie sie im Flugzeug allein den Ozean überquert und nicht etwa heruntergeholt und von einer wütenden Menge als Hexe verbrannt wird, nein, von den Völkern, die sie überfliegt, mit frenetischem Jubel begrüßt, so kann ich es selber kaum glauben, daß ein solcher Umschwung innerhalb eines Menschenlebens, ja nur in einer kurzen Phase desselben, stattgefunden hat... Es muß eine Zeit kommen, wo die Frauen der ganzen Erde sich verständigen, sich zu einer einzigen großen Weltenmutter zusammenschliessen, die die Mitte hält gegen die auseinanderstrebenden männlichen Kräfte. Ein Völkerbund der Frauen, mit mehr Weisheit und besserem Willen ausgerüstet als der jetzt tagende. Ein Schutzbund für alles Geborene, der, ich hoffe es, alsdann auch die Ärmsten der Armen, die unglückliche Tierwelt, in seine Liebe und Obhut aufnehmen wird. Diese Zeit liegt sehr ferne von uns - in der Ferne eines neuen Weltalters. Aber der Grundstein ist gelegt, es heißt bauen!"- (A 19)

Isolde Kurz stellt als beispielhaftes Vorbild uns an anderer Stelle einige berühmte Frauen der Renaissance vor, muß aber dort selber zugeben, "daß auch die gefeiertste Frau in der Renaissance, ganz zu schweigen von der Mehrheit aus den niederen Ständen, rechtlich wie eine Sache behandelt wurde, mit der der Mann, ob Ehemann, Vater oder Bruder, nach seiner Willkür verfahren konnte." (A 20)

München

Nach München überzusiedeln beschloss Isolde schon nach dem zehnten Oktober 1873 als der Vater, der sich bei der Enthüllung des Uhlanddenkmals im Juli einen Sonnenstich geholt hatte, plötzlich 60jährig verstorben war. (Die Feier dauerte über vier Stunden.)

Da Isolde die tausend österreichischen Gulden, die sie für die Übersetzung des italienischen Romans von Nievo bekommen hatte, für die Muse auf ihres Vaters Grab ausgegeben hatte, lieh die gute Fina Isolde ein bisschen Geld für den Start in München. Dazu kamen noch einige Gulden vom Schwiegersohn des guten Freundes Hopf, von Herrn Dr. Schiler.

Isolde musste ein billiges Zimmer nehmen, später konnte sie mit Erwin zusammen wohnen. Die Frau von Paul Heyse (A 21) gab keines ihrer zwanzig Zimmer der Tochter von ihres Mannes Freund, nur einmal die Woche durfte Isolde dort mitessen.

Mühselig mit Übersetzungen und Stundengeben hatte Isolde in München ihr Auskommen. Sie lernte in München bedeutende Persönlichkeiten kennen und hatte eben auch ganz andere Anregungen als in dem engen Tübingen. Dadurch fühlte sie sich bald wohl in der bayrischen Metropole.

Der älteste Bruder Edgar war inzwischen Fremdenarzt in Florenz und holte die Mutter mit dem kranken Jüngsten, dem Balde, in die wärmeren Gefilde nach Florenz nach. Sogar die über 70jährige treue Haushälterin Fina folgte ihrer Herrschaft noch ins Ausland. Der Bruder Edgar überredete Isolde doch auch nach Florenz zu kommen, und so entschloss sie sich 1877 auch im Süden ihr Glück zu probieren, obgleich sie in München eben Fuß gefasst hatte. Daß es 33 Jahre würden die sie als Auslandsdeutsche in Florenz lebte, hätte sie damals nicht gedacht. Ja, Italien wurde Isoldes neue Heimat, vor allem nachdem sie sich an der ligurischen Küste in Forte dei Marmi noch ihr Häuschen bauen und sich am Strand und bei ihrer geliebten Gartenarbeit immer wieder von der geistigen Tätigheit erholen konnte.

Florenz

In Florenz lebten damals viele deutsche und auch internationale Künstler, die dort ihr "Arkadien" suchten. Bernd Roeck schreibt in seinem 2001 erschienenen Buch "Florenz 1900, die Suche nach Arkadien" von diesen Künstlern und hier auch sehr viel über die Familie Kurz. Hier notiert er Aby Max Warburgs Frau Mary, welche die Begegnung mit Isolde und ihrer Mutter in einem Brief an die Schwiegermutter in England folgendermaßen schildert: "Mit Isolde und Edgar Kurz, den wir als Hausarzt wählten, traten wir bald in nähere Beziehung. Isolde Kurz haben wir zugleich mit ihrer alten Mutter, einer ganz faltenen alten Frau, schon vor längerer Zeit einmal bei Davidsohns getroffen, wo wir fast jeden Dienstag abend sind... Ich glaube man kommt ihr, Isolde, nicht leicht näher. Sie hat etwas sehr sensitives, ist aber, glaub ich, ein famoser Charakter. Aber die alte Frau Kurz wäre etwas für Dich, was ist das für eine frische, unverbrauchte alte Frau!..." (A 22)

Als Ergänzung zu diesem Buch empfiehlt sich aus Isolde Kurz "Florentiner Erinnerungen" das Kapitel "Agli Allori" (68 Seiten) (A23), die Geschichte des evangelischen Friedhofs in Florenz zu lesen, wo viele auch der von Roeck geschilderten Berühmtheiten begraben liegen, wie: Arnold Böcklin, Heinrich Homberger, Karl Hillebrand, Ludmilla Assing, Theodor Heyse, Karl Stauffer-Bern, Gisela Arnim - Grimm usw., über die auch Isolde berichtet aus ihrer Sicht. Der Friedhof ist gut gepflegt, zur Besichtigung geöffnet, und es ist meist eine kompetente Aufsicht dort, die auch Einblicke in die Registerbücher der Friedhofsverwaltung erlaubt.

Die ersten Jahre in Florenz waren zwar voll von neuen Eindrücken, aber Isolde litt wieder an der Rückständigkeit ihrer Zeit. Hier in Italien durfte eine Frau noch nicht einmal allein in die Stadt gehen. Erst als der Maler Althofen, ein Hausgenosse Isolde klagte, daß es ja für Fremde keinen bebilderten Reiseführer für Florenz gab, sah Isolde wieder eine Aufgabe. Bisher hatte sie Gedichte eigentlich nur für sich selbst geschrieben, die dann aber durch Drängen von Freunden 1888 herausgegeben einen Erfolg für sie brachten. Nun sah Isolde eine Aufgabe. Sie begab sich in die Archive, wo sie zwar unbehelligt, aber wieder als einzige Frau die Geschichten von Florenz erforschte. Vor allem das Lebensbild von Lorenzo Medici fesselte sie. (A 24)

Sie schreibt:"Ich glaube, daß ich in jenen Tagen so etwas wie ein glücklicher Mensch gewesen bin. Werk und Leben lagen in meiner eigenen Hand. Ich sah mein Buch mit den Zeichnungen Althofens geschmückt, unser Buch, schon fertig als ein Geschenk an das deutsche Volk, ein willkommenes, notwendiges, wie ich hoffte, weil es einem hohen Kulturzweck zu dienen hatte und weil es etwas ihm Ähnliches zur Zeit nicht gab. Ich dachte es mir in den Händen aller nordischen Reisenden, die fortan über die Alpen kommen und aus diesem Werk den Einblick in das unsichtbare Florenz schöpfen würden"... (A 25) Der Maler Althofen wollte ja ihre Geschichten bebildern, doch als dieser plötzlich starb machte Isolde aus ihrem gesammelten Material eben keinen Reiseführer, sondern so entstanden die erfolgreichen "Florentiner Novellen" 1890, die bis vor wenigen Monaten immer wieder neu erschienen sind. Diese "Florentiner Novellen", auch mit einer Geschichte "Anno Pestis", über die Pest in Florenz, oder "Die Humanisten", wie Graf Eberhard von Württemberg im April 1482 mit "seinem Kapnion im schwarzen Habit Johann Reuchlin " in Florenz Station machte. - Auch alle anderen Novellen lesen sich voll Spannung, wie ein Krimi. Die Entstehung der Novellen schildert die Dichterin ausführlichst in ihrer Rückschau.

Ich als Laie las auch mit Spannung Isoldes Schilderungen aus der Florentinischen Renaissance im Buch: "Stadt des Lebens", das Cotta 1920 sehr schön mit sechzehn Abbildungen von berühmten Florentiner Künstlern herausgab und damals zum stolzen Preis von zweiundzwanzig Mark verkaufte. Im Gegensatz dazu kosteten die "Florentiner Novellen" gebunden nur die Hälfte und die Gedichte und Erzählungen zwischen drei und sieben Mark.

Trotz ihrer frühen Begabung dauerte es lange bis Isolde die große gefeierte Schriftstellerin wurde. Mit den "Florentiner Novellen" aber war der Durchbruch geschafft.

Wie v i e l ist es geworden was Isolde Kurz an Dichtungen und Prosa hervorbrachte! Sie ist ja auch über 90 Jahre alt geworden, hat für die damalige Zeit also ein sehr hohes Alter erreicht.

Isoldes Werke

In Marbach belegt Isolde Kurz 68 Kästen voll mit ihren Nachlass. Davon sind: 27 Buchmanuskripte, 34 Erzählungen, 3 Vorträge, 31 Aufsätze und Essays. Dazu kommen noch sehr viele Briefe, Fotos und Buchbesprechungen.

Nach einer Recherche im Katalog des SWB (SWB = Südwestdeutscher Bibliotheksverbund) im Juli 2 002 fand ich:
1888 "Gedichte", mehrere Auflagen
1890 "Florentiner Novellen", neun bis zwölf Auflagen
1895 "Italienische Erzählungen", auch viele Auflagen (das einzige
heute noch im Handel befindliche Buch vom Phaidon-Verlag)
(1904 kurzes "Lebensbild des Bruders Edgar")
(1905 "Lebensbild des Bruders Alfred")
1905 "Neue Gedichte", auch etliche Auflagen
1905 "Im Zeichen des Steinbocks" Aphorismen, drei Auflagen
1905 "Aus meinem Jugendland", mindestens sechs Auflagen
1906 "Hermann Kurz", das Leben des Vaters, fünf Auflagen
1906 "Der Meister von San Francesco", Das Leben Adolf von Hildebrands
1907 "Lebensfluten" Novellen (A 26)
1907 "Traumland", eine sogar für heute moderne Traumpsychologie!
1907 "Die Stadt des Lebens", drei Auflagen
Weitere kurze Novellen ohne Jahr, wie "Phantasien und Märchen",
"Haschisch"
"Frutti di Mare"
"Solleone"
"Genesung" und noch andere Erzählungen
1908 "Die Kinder der Lilith" (die jüdische Midrasch, verändert von I.
Kurz)
1910 "Florentinische Erinnerungen", mindestens drei Auflagen
1912 "Meine Mutter", drei Auflagen
1913 "Wandertage in Hellas", sechs Auflagen
1915 "Cora, und andere Erzählungen"
1916 "Schwert aus der Scheide"
1918 "Das Haus des Atreus", zwei Auflagen
(1919 "Von Dazumal", Erzählungen)
(1920 "Legenden")
(1921 "Die Gnadeninsel")
1920 "Traumland"
1922 "Nächte von Fondi", "Eine Geschichte aus dem Cinquecento"
mehrere Auflagen
(1924 "Die Liebenden und der Narr")
1925 "Der Caliban", Roman
(192.." Die Vermählung der Toten")
(192.." Der Ruf des Pan")
(1925 "Der Despot")
(1927 " Die Stadt der Unsichtbaren")
(1929 "Legenden")
1929 "Ein Genie der Liebe", Das Leben des Freundes Ernst von Mohl
1931 "Vanadis - Der Schicksalsweg einer Frau", neun bis vierzehn
Auflagen
("Vanadis","Florentiner Novellen" und "Jugendland" waren die
meistgelesenen Bücher.)
1933 "Die Nacht im Teppichsaal"
1938 "Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen", Lebensrückschau
1939 "Das Haus des Atreus"
"Gesammelte Werke" 19.?. und 1925, zwei Auflagen (A 27)
Wahrscheinlich sind dies nicht einmal alle Bücher. Dazu schrieb Isolde Kurz auch noch unzählige Aufsätze und Gedichte in Zeitschriften und Zeitungen, manches wurde mehrfach veröffentlicht. Vieles liegt noch unveröffentlicht im Deutschen Literaturarchiv in Marbach und wartet auf eine Auswertung und Veröffentlichung. Über ihre Werke schreibt Isolde ausführlich in der Lebensrückschau.

Am 100. Geburtstag des Vaters, am 13. 11. 1913 erhielt Isolde in Gegenwart des Königspaares (unser Vater war auch dabei) in Stuttgart das Diplom Dr. phil. honoris causa von der Philosophischen Fakultät Tübingen. Sie war die erste Frau, der so etwas widerfuhr. (A 28)

Zum Buch " Vanadis " schreibt Isolde im Brief 1932 an Gertrud Küster: "Sie sagten mir beim Abschied, daß sie die Vanadis nicht mögen, weil sie Ihnen nicht aktiv genug sei... Das Buch habe sie kühl gelassen... Ich fand es freundschaftlich, daß Sie mir Ihr inneres Meinen so offen aussprachen. Aber über ihren Grund Ihrer Abneigung war ich nun doch sehr erstaunt... Ich überlegte mir den Vorwurf und suchte mich in Ihrer Auffassungsweise zurecht zu finden. Vanadis ist keine praktische Natur so wenig wie ihre Verfasserin, und wenn das vorige Jahrhundert ihr gestattet hätte, Reichstagsreden zu halten oder Frauenvereine zu gründen, so würde sie wahrscheinlich keinen Gebrauch davon gemacht haben, das gebe ich von vornherein zu. Aber setzt sie es herunter, daß sie in den wenigen, äußerlich glücklichen Jahren in Florenz sich von den Erschütterungen und Mühsalen ihrer ersten Jugend erholt und für einige Zeit der eigenen geistigen Entwicklung und Selbstgestaltung lebt? Bis das Ungenügende auch dieses Zustandes ihr selber aufgeht und sie in neue Wirrungen wirft. Wäre der Zustand kein ungenügender, so hätte die fernere Entwicklung gar keine Begründung. Ein Haus voll Kinder oder eine nützliche öffentliche Tätigkeit wäre wohl sozial verdienstvoller, aber es wäre kein Roman. Indem ich mir so von unserer Unstimmigkeit Rechnung zu geben suchte, berührte es mich eigen, wie doch die große Betriebsamkeit des heutigen Lebens die Auffassung der inneren Werte verändert hat, daß jetzt - in gerader Umkehr von Schillers großem Wort - das Tun für das Wesentliche angesehen wird und nicht mehr das Sein. Für die Zeit in der Vanadis lebte, war die Tätigkeit gar nicht das Maßgebende, sondern - um den Lieblingsausdruck Hildebrands (A 29) zu gebrauchen: die Produktivität, die innere nämlich, die lebenerschaffende, auf die Umwelt wirkende Fülle. Diese Produktivität hätte er gewiß der Vanadis zugestanden, während er der bloßen Tätigkeit gesagt hätte: Martha, Martha, du hast viel Mühe, aber Eins ist not. Womit ich Ihnen aber das Recht der eigenen Einstellung gewiß nicht bestreiten will, denn in Fragen der Sympathie - für Bücher wie für Menschen - gibt es eigentlich gar keine Gründe, sondern nur das Gefühl: daß man sich verwandt fühlt oder nicht." (A 30)

Den größten Einfluß auf Isolde in Florenz hatte der Bildhauer Adolf Hildebrand und seine Frau Irene geb. Schäufelen, geschiedene Kobell in deren Haus und Garten "Kloster San Francesco" Isolde oft war, wie sie auch in ihrem Buch "Der Meister von San Francesco" schrieb.

Forte dei Marmi

"Zur Zeit, wenn lautlos selbst die Welle ruht
Und nichts lebendig ist als Licht und Glut,
Am blauen Meergestade, tief allein
Im Mittagsweben ist mein wahres Sein...
Die trunkene Seele kennt sich selbst nicht mehr,
Das Ich versank, und was ist jetzt noch schwer?
Ich bin ein Rauch, der sich vom Boden hebt,
Ein Sonnenfalter, der ins Blau verschwebt.
Es fällt die Schranke, die vom All mich trennt,
Was mein gewesen, strömt ins Element,
Und leicht wie Wölkchen an der Alpen Saum
Lös' ich mich auf, ein kurzer Mittagstraum." (A 31)

Auch in Florenz hatte die Großfamilie nur bedingt eine Heimat. Als Edgar seine Villa baute schien fester Boden da zu sein, doch die Heirat Edgars mit einer völlig anders eingestellten Schwäbin vertrieben Isolde mit der Mutter aus diesem Heim. Auch suchte Isolde immer wieder sich mehr von der Mutter abzunabeln, da die Mutter die Kinder nie losließ, und es mußten zwei getrennte Wohnungen gesucht werden, was viele Umzüge erforderte. Der Tod der Brüder Edgar und Alfred und eines wahren Freundes Wilhelm Hertz (1835-1902) haben Isolde mehrmals in tiefe Depressionen gestürzt. Dann kamen die letzten Jahre der Mutter mit der Isolde besonders stark verbunden war und deren Pflege sie überforderte. Sie selber schreibt, daß die Jahre 1904 - 1911 die härtesten ihres Lebens waren. Isolde versuchte sich selbst zu therapieren, indem sie sich in ihre Arbeit stürzte, was ihr half. Sie konnte zwar, wie ihr Vater, kaum Kapital aus ihrer Arbeit schlagen, aber immerhin reichten die Einnahmen für eine schöne Wohnung am Arno mit Blick auf die Altstadt von Florenz, welche ihre Arbeitskraft beflügelte, und schließlich konnte sie sich sogar noch ein eigenes Häuschen mit Garten an der Ligurischen Küste in Forte dei Marmi leisten.

Immer wieder, auch noch später von München aus zunächst mit der Mutter und später allein lebte Isolde wochenlang in ihrem geliebten Forte. Isolde brauchte die stillen Wochen dort, das Meer und die Gartenarbeit, die sie wie Hermann Hesse in der Fremde über alles liebte. Man sieht heute hinter dem Haus noch in dem Privatwäldchen gewaltige Pinien, die von Isolde einst gepflanzt wurden. (A 32)

Isolde schwärmt immer wieder von dort. Sie schreibt darüber: "Der Bruder hatte für mich das Haus klein gewollt, damit ich vor Umtrieb geschützt sei; jetzt war das Haus klein, aber der Umtrieb kam doch und war im engen Raume um so störender. Aller Freundes- und Familienverkehr zog sich da herein... Ich hatte gerade die "Stadt des Lebens" unter den Händen, eine Arbeit, die viel Sammlung und innere Spannung erforderte... mit dem ersten Kapitel "Lorenzo il Magnifico"... Es war ohnehin eine Aufgabe bei diesem Barometerstand, den alle andern zur Rast und Erholung nützten zu arbeiten, da wurde ich auch noch ständig störend unterbrochen..." (A 33)

Dann schrieb sie wieder: "In Forte dei Marmi alterte man nicht. Die langen glühenden Sommer brannten alle kranken und wehen Stellen aus und gaben eine immer heile und heitere Jugend..."

Auch noch 79jährig schwärmt sie Mitte Dezember 1932 im Brief an Gertrud Küster: "Nachdem ich einmal meiner angestrengten Schreibhand einen mehrwöchentlichen Urlaub versprochen, beharrte sie auf ihrem Recht und wollte nun auch kein anderes Werkzeug mehr handhaben als Gartenschere und Spaten. Damit habe ich mir einen reizenden kleinen Garten angelegt, alle Pflanzen schon hoch und in Fülle, daß im Frühjahr nur noch zu blühen braucht, was blühen kann um mein Herz froh zu machen. Das war eine köstliche Erquickung, von zehn Uhr morgens bis nachmittags vier Uhr ununterbrochen im Freien..."

Und noch 1934 erklingt wehmütig in einem Brief: "Ob ich noch einmal mein geliebtes Häuschen und meine zwei selbstgepflanzten Gärten, wiedersehen werde?"

Je älter Isolde wurde, desto aktiver wurde sie. In diesen Briefen aus den Jahren 1926 - 1939 an Gertrud Küster in Gießen macht sie darüber Bemerkungen. Gertrud Küster schreibt: "Erst nach ihrem 70. Geburtstag lernten wir Isolde Kurz persönlich kennen, sie kam zu einem Vortrag und wohnte bei uns. (Inflationszeit) Noch sehr oft ist sie unser Gast gewesen und hat sehr viele Vorträge in Gießen gehalten. Wie begeistert waren die Schüler, deren letzte Stunde vor Abgang des Gymnasiums sie mit einer Lesung füllte und zum Schluß stehend ihnen "Die Bleibenden" , den Hymnus auf Griechenland, frei vortrug. Auch in späten Jahren war ihre Stimme tragend voll und klar. Gern entschloß sie sich zu solchen Vortragsreisen in jeder Entfernung und jeder Jahreszeit..." (A )

Mit 80 Jahren reiste sie noch nach Griechenland und Kleinasien, um Troja, "das früheste Wunschziel" noch mit Augen zu sehen.

Zwei Jahre vorher schreibt Isolde in einem Brief an Gertrud Küster: "Als Belohnung nach der langen Arbeit im Winter habe ich mir den Besuch des Pergamonmuseums vorgenommen..."

"O Erde, Erde, Toren sehnen sich nach schönrem Stern.
Mir bist du schön genug, und nicht verlassen will ich dich,
Bevor ich das letzte deiner Wunder in mich trank..." (A 34)

Die Bleibenden

Alles geht der Vernichtung Bahn, - Selbst der Dichtung hehre Gestalten, - Dauernder als des Lebens Gewalten, - Sind der Vergänglichkeit untertan, - Welken hin und veralten.

Nur enthoben dem Wechselspiel - Stehen die ewig jungen Hellenen, Allem Schauen, Staunen und Sehnen - Bleibendes Ziel.

Wie die Zeiten brausend vorüber wandern, - Ein Jahrtausend Zeigt sie dem andern, - Das Schöne wird häßlich,- Zum Laster die Tugend, - Sie aber blühen in Götterjugend.

Heut noch am blumigen Wiesenhang - Weidet Daphnis die Stier' und die Kälber, - Zu der lieblichen Flöte Klang - Tanzen Pan und die Nymphen selber.

Fort und fort bis ans Ende der Welt - Brausen die Kämpfe um Ilions Mauern, - Irrt Odysseus in Sturmesschauern, - Ewig grollt der Pelide in Zelt.

Ewig schwebt um das Schreckensbad - Klytämnestras blutiger Schatten, Klagechöre, die nie ermatten, - Folgen Antigones Todespfad. -

Dorthin nach ihrem goldenden Morgen, - Nach der Unschuld verlorenem Glück, - Blickt die Menschheit aus Not und Sorgen - Ewig zurück.

Heil, o Heil dem selig verweilenden, - Immerwährenden Griechenge- schlechte! - Uns,den Enteilenden, - Nimmerkehrenden Gönnt es freundlich des Gastes Rechte. Ihre tauigen Gärten laden uns ein, - Auf ein Weilchen Gefährten der Götter zu sein.

Dort reifen Äpfel am Baum der Bäume Wer die genossen, der altert nie. Dort schenkt uns Armen den Traum der Träume Die Welterlöserin Poesie. (A 35)





Küster schreibt: "Köstlich war Isoldes Humor; Menschen, die nicht lachen konnten, waren ihr unheimlich... - Immer ist sie bereit, Besuch zu empfangen, nur die Vormittage gehörten ihr, wie ein Zettel an der Korridortüre vermerkte... - Vom Alter wollte sie nichts wissen..."

Isolde machte in diesen Briefen an Gertrud Küster einige wichtige Bemerkungen:

"Es gibt mir jedesmal einen Schlag aufs Herz daß ich nun nirgends mehr erscheinen, nichts veröffentlichen kann ohne daß mir die Presse sogleich dick und fett die Zahl meiner Lebensjahre entgegenhält. Als das verhängnisvolle Jubiläum kam, mein 70. Geburtstag, da hoffte ich doch, meine Landsleute würden mit der Zeit entdecken, daß meine Leistungen stärker, feuriger und jünger geworden sind, als sie ehedem waren, und würden die böse Sieben, wenn erst das Jahr um sei, wieder in die Versenkung fallen lassen. Aber weit gefehlt. Die Deutschen sind Statistiker, darum muß sie nun Jahr für Jahr dabei sein, mit ihrem stetig wachsenden Anhang, sorgfältig gezählt! Und immer wenn sie mich wieder anspringt, muß ich mich zusammenfassen, daß ich nicht aus jähem Schreck in die Grube taumle, die mir zu Füßen gegraben wird... - Es ist ein wunderliches Leben das ich führe, mir scheint, die Stunden werden durch die unendliche Mannigfaltig der Dinge, die hinein gepreßt sind, immer straffer gespannt, daß es ist als müßten sie platzen... - Meine Verlegerin war hier. Sie legte mir die flehende Bitte des Verlags ans Herz, mein neues, unter der Feder befindliches Buch bis Anfang des nächsten Jahres abzuliefern, damit es im Herbst 1936 erscheinen könne... Der Kampf mit der spitzigen Feder und der elenden Tinte ist gar zu entnervend... Selten komme ich einmal vor zwei Uhr ins Bett...

Mit stillem Neid, blicke ich Ihnen liebe Frau Gertrud auf ihren Weg in die ernsten Hallen der Universität nach... Der schmerzliche Drang nach neuen Kenntnissen und Zusammenhängen, der immerzu meine Mutter beherrschte, ist nun auch in mich gefahren, es ist wie eine Furcht vor jenseitigem Aufnahme-Examen mit dem drohenden Ergebnis "Ungenügend". Aber künstlerisches Gestalten und lernendes Aneignen wollen sich gar so schlecht vertragen, wegen der grundverschiedenen inneren Einstellung..."

München und Tübingen bis zum Tod

Ein Jahr vor der Mutter Tod 1911 kamen Mutter und Tochter nach München zurück. Nach dem Tod der Mutter zog der Jugendfreund Ernst von Mohl zu Isolde ins Haus bis dieser 1929 starb. Mit ihm unternahm sie schöne Reisen. Auch war sie nun viel zu Vortragsreisen durch ganz Deutschland unterwegs.

Nach dem Tod des Bruders Erwin 1931 zog Lisa Betz, dessen Haushälterin, als Pflegerin und Sekretärin zu Isolde. Isolde lebte in einer Vierzimmerwohnung im dritten Stock in der Ainmillerstrasse bis zu den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs, wieder fast 33 Jahre. Lisa Betz hatte Mühe bei den häufigen Fliegeralarmen die gehbehinderte "Frau Doktor" die vielen Treppen zum Luftschutzkeller hinunter- und danach wieder in die Wohnung hinaufzubringen. Nachdem die Angriffe auf München immer häufiger wurden kam Isolde mit ihrer Pflegerin 1942 ins Rotkreuzkrankenhaus München, wo die Dichterin schon mehrmals gelegen hatte. Doch die Angriffe bedrohten bald auch das Krankenhaus, und die Patienten verlegte man in die Provinz nach Aschau am Chiemsee. Ein längerer Briefwechsel mit Tübingen ermöglichte es dann, daß Isolde mit ihrer Lisa Ende 1943 schließlich ins Tropengenesungsheim nach Tübingen kommen durfte. Man mußte ihr aber versichern, daß hier die Kriegsgefahr nicht so schlimm war und auch, daß sie viele ihrer Kostbarkeiten ins Tropengenesungsheim mitbringen durfte und Isolde ein schönes Zimmer im dritten Stock, mit Blick auf die Stadt, bekommen würde. Das Benzin für den Krankentransport spendeten jeweils hälftig die Städte Reutlingen und Tübingen.

So ist Isolde am 6. April 1944 in ihrer Jugendheimat Tübingen gestorben.

Zum 80. Geburtstag hatte ihr schon die Stadt Tübingen einen Wunsch freigestellt und Isolde wünschte sich damals an der Seite des Vaters beigesetzt zu werden. So ruht nun ihre und auch der Mutter Urne nur einen Steinwurf weit entfernt von den Gebeinen des geliebten Dichtervaters Hermann Kurz.

Die Leichenrede im Krematorium in Reutlingen am Karfreitag 1944 hielt unser Vater. Tante Isolde hatte sich ihn etwa zwei Jahre vor ihrem Tod als Seelsorger erbeten. Er mußte ihr zuerst auf ihre schriftliche Bitte ein Gesangbuch und eine Bibel schicken. Wenig später bat sie den Pfarrersvetter, ob er nicht ihr Seelsorger werden könnte? Mein Vater versprach nach München zu kommen, obgleich im Krieg die Fahrt vom letzten Zipfel von Württemberg, Creglingen, bis München nicht so einfach war. Vetter und Base trafen sich so nur zweimal, einmal in München und einmal in Tübingen zu seelsorgerlichen Gesprächen. Schließlich bat Tante Isolde, vier Monate vor dem Tod, Vater möge ihr doch auf jeden Fall ein christliches Begräbnis halten, aber in seiner Rede müsse er betonen, daß sie keine Christin gewesen wäre. Auf Vaters Rückfrage, warum sie denn, wenn sie keine Christin wäre ein christliches Begräbnis wolle, antwortete sie ihm:

"Goebbels und seine Leute wollen das Christentum abschaffen! Was für eine andere Religion wollen sie uns denn geben? Etwa die Entwicklung zum Materialismus des größtmöglichsten irdischen Glücks? Oder vielleicht den Buddhismus und die Lebensverneinung? Oder nur eine Erneuerung des alten vergangenen Germanenglaubens und Griechenglaubens, der zur Götterdämmerung führt und zum Weltenbrand und nicht hinausführt aus dem Wahn der Welt? Was haben wir den besseres als das Christentum? Und darum will ich christlich bestattet werden." (A 36)



Grab von Marie und Isolde kurz
Bild groß       Bilder Stadtfriedhof
Bild: mit freundlicher Genehmigung von Otto Buchegger

III

Die "greise" Dichterin (A 37)

"Nennt mich nicht Greisin,
glaubt ich bin es nicht: -
Dies ekle Wort
zerstört mein Angesicht.

Nennt mich "Die Wanderin"!
Mit Stab und Schuh
wand'r ich ewig
der Heimat zu."

Ihren 80. Geburtstag verbrachte Isolde Kurz am 21. Dezember 1933 im Rotkreuzkrankenhaus in München und zwar aus politischen Gründen. Sie wollte im Dezember in München einen Vortrag in größerem Rahmen halten mit einer Feier, was aber durch den damaligen Gauleiter verhindert wurde.

Sie teilte der Freundin in Gießen mit: "Meine Einstellung ist der Partei unerwünscht... Es gibt also keine Gelegenheit ein kleines Fest zu feiern wie im Vorjahr... Aber eine kleine Anzahl näherer Freunde, denen das Betreten des Krankenhauses nicht mißlich ist, kann mich ganz wohl zu meinem Geburtstag dort besuchen..." (A 38)

Bei der Dankesdrucksache teilt Isolde mit ca. dreihundert Glückwunschbriefe bekommen zu haben. Auch gab es viele Zeitungsberichte zum achtzigsten, fünfundachtzigsten und zum neunzigsten Geburtstag. Mein Vater hat alle sorgsam gesammelt. Natürlich war Isolde sehr oft gar nicht einverstanden, wie die Zeitungen sie schilderten. Dies geht auch aus Briefen hervor.

In einem kleinen Zeitungsausschnitt steht:

" Die Italiener ehren Isolde Kurz.

"Die italienische Regierung ließ der Dichterin Isolde Kurz im Anschluß an die vielseitigen Ehrungen anläßlich ihres 80. Geburtstages durch das italienische Generalkonsulat in München ein in auszeichnenden Worten gehaltenes Schreiben zugehen, worin mit hoher Anerkennung der aus inniger Kenntnis italienischer Wesensart, Landschaft und Geschichte geschöpften Werke gedacht ist, durch welche die Schriftstellerin in weiten Kreisen des deutschen Volkes eine verständnisvollere Symphathie für Italien und sein kulturgeschichtliches Wirken verbreiten half. - Aus dem gleichen Anlaß haben das italienische Generalkonsulat in München und das italienische Institut für germanistische Studien in Rom der Jubilarin in ehrenvollster Form die Anerkennung Italiens für ihr dichterisches Schaffen zum Ausdruck gebracht."

Vom neunzigsten Geburtstag sind Berichte aus vielen deutschen und österreichischen Blättern vorhanden.

Die Tübinger Chronik widmet der Dichterin zum 90. Geburtstag am 21. 12. 1943 eine ganze Seite. Hier heißt es:" Zu ihrem 90. Geburtstag 1943, den die greise Isolde Kurz im Gartensaal im Rollstuhl unter Palmen, Lorbeer, Farn und Weihnachtsbegonien im Tropengenesungsheim Tübingen feierte, wird sie von allen Seiten, auch von der Partei hochgeehrt... Gratulanten waren die Oberbürgermeister Doktor Strölin von Stuttgart, Doktor Dederer von Reutlingen, der Leiter des schwäbischen Dichterkreises Doktor Schmückle für das Schiller-Museum und den schwäbischen Dichterkreis," usw.... "Die Isolde-Kurz-Oberschule Reutlingen hatte tags zuvor mit einer schönen Feier der Dichterin aufgewartet... Das Tübinger Gilbert - Trio begann und beendete mit Schuberts op 99 die große Feier..."

Den Hauptbericht schrieb hier Professor Dr. Paul Kluckhohn. Er schildert Isolde Kurz, als: "Die Hüterin des Lebens in dem Sinne des geistigen Hochschwungs, mit dem sie als Kind schon von ihrer Mutter, einer sehr seltenen Frau, in die Welt des Griechentums eingeführt worden war, den sie später in der epischen Dichtung "Die Kinder der Lilith", einem sprachlich schwerelos wirkenden und doch tiefen Werk... verkündet und den sie so manchen Gestalten ihrer Erzählungen bis zu "Vanadis" (1939 erschienenes Spätwerk) mitgegeben hat..."

Gertrud Fink schreibt in der Chronik weiter: "Ein freundlicher Stern hat Isolde Kurz nach Tübingen, in die Stadt ihrer Jugend zurückgeführt. Ein nebelverhangener Novembertag war es, als sie ihr neues Heim im Tropengenesungsheim betrat. Von den Fenstern ihrer Loggia sah sie hinunter auf das vertraute Bild: die Kirche, das alte Schloß, die Berge der Alb; und was an Empfindungen in der Dichterin lebte, drängte sie zusammen in ein Einziges: "Mein geliebtes Tübingen!"... Auf ihrem Tischchen stand ein Bild des schwäbischen Heerführers Rommel mit einem Brief von ihm, wozu Isolde Kurz bemerkt: "Nicht wahr, der ist ein richtiger Schwabe! Er kann lachen, er hat Humor!" Und derselbe liebenswürdige humorvolle Zug, der aus dem Soldatengesicht spricht, belebte auch ihre Züge... Nach dieser Ansprache wurde dann Isolde Kurz die "Goethe-Medaille" mit der vom Führer persönlich unterschriebenen Urkunde überreicht. Mit zum Gruß erhobenem Arm verließ die Dichterin im Rollstuhl den Saal, geschoben von ihrer treuen Begleiterin Lisa Betz..."

Wenn man das letzte Fotobild von Isolde betrachtet, es ist von diesem 90. Geburtstag im Tropengenesungsheim, sieht man, daß die zwar noch geistig rege Greisin, hier vier Monate vor ihrem Tod, doch sehr alt und hinfällig geworden ist. Die Kriegsjahre und die Umzüge hatten der Dichterin doch sehr zugesetzt. Lisa Betz schreibt mehrfach in ihren Briefen von diesen Schwierigkeiten. So war die Verlegung in ihre einst so wenig geliebte Tübinger Jugendheimat doch für Isolde und ihre Betreuerin ein Glücksfall. Herr Dr. Alex Fritz in Kilchberg bei Tübingen und Schwester Ilse Sturm Tübingen, welche damals im Tropengenesungsheim arbeiteten, erinnern sich heute noch sehr genau an diese nicht ganz einfache Patientin. So berichtete mir Schwester Ilse daß die Dichterin von der Stadt Tübingen einen schwer beweglichen Rollstuhl erhalten hat, mit dem sie aber nur von "ihren Soldaten", wie sie die verwundeten Mitpatienten betitulierte, im Park spazieren gefahren werden wollte. Im Erdgeschoss sowie im ersten und zweiten Stock des Krankenhauses lagen damals nur Soldaten, sehr viele mit Malaria.

Die Stuttgarter Nachrichten schrieben 1943 u.a.: "...Ihr dichterisches Werk,... das sich auszeichnet durch die Reinheit der Form, hat sie den Lorbeer erringen lassen, der ihr gebührt, den Lorbeer der größten deutschen Dichterin. Doch das zu sagen, was alle nun bewegt, gäbe es kein idealeres Wort als das ihrer eigenen Dichtung. Mit tiefer Einfühlung in den Geist der Dichterin las der Kreisleiter darauf die "Widmung" zu den "Wandertagen in Hellas..."

(Hier steht: "Mit deiner Milch, versprengte Griechin, sog ich den Traum von Griechenland, als Wiegenlieder umrauschten mich homerische Gesänge, und meine dämmernden Gedanken wandtest du Hellas zu. Nicht Bänder und Juwelen und was sonst Mutterlust den Töchtern schenkt, gabst du der deinen, doch das lautre Gold der Dichtung häuftest du auf sie und liessest bei Göttern und Heroen sie erblühn, die Glückliche, gabst Iphigenien ihr zur Spielgefährtin und Antigone...")

Das "Kleine Volksblatt" aus Wien schrieb: "...Zu den hervorragensten Erscheinungen der deutschen Poesie zählt die schwäbische Dichterin Isolde Kurz... Die "süddeutsche Bettina", wie man sie nennt. Sie stammt aus einer literarisch hochbegabten Familie. Ihr Vater Hermann Kurz, der sich im Kreis Paul Heyses bewegte, war selbst Schriftsteller und Redakteur, aber auch ihre Mutter führte eine geistreiche Feder. Die hochbegabte Dichterin, die vielfach an Seite Maria Ebner-Eschenbachs gestellt wird,..." usw.

Meine einzige Begegnung mit Tante Isolde

Sehr weitläufig sind die Mohrs mit den Kurzens verwandt. Ich selber warmit meinen Eltern und mit meiner Schwester zum ersten und letzten Mal zu Besuch bei Tante Isolde im Tübinger Tropenheim. Da zu viel Betrieb am Geburtstag selber war, kamen wir erst Anfang Januar 1944 nach Tübingen. Es war keine drei Monate vor der Tante Tod. Sie war wohl auch schon sehr elend, aber das merkte ich nicht. Mir erschien die Tante sehr stattlich und stark. Leider habe ich als 9jähriges Kind so nicht mehr ihren Humor erleben können. Die alte vornehme Tante mit ihrem prüfenden Blick und der dunklen getragenen Stimme flößte mir sogar Furcht ein. Wahrscheinlich erwartete ich eine Ähnlichkeit mit der Kusine von Tante Isolde, die unsere Ersatzgroßmutter war, die heißgeliebte Tante Helene Pommer geb. Kurz, mit der sich auch Isolde lebenslänglich gut verstand. Mein Vater hat die berühmte Tante Isolde hoch verehrt. Er war stolz auf die Verwandtschaft und hat jede Zeitungsnotiz über seine "Base" gesammelt und aufgehoben. Auch in vielen ihrer Bücher stehen Widmungen und Vater schrieb seine Bemerkungen hinein.

Die Familie der Isolde waren immer ein Familienclan. Über diese starke Bindung, die Isolde ein Leben lang prägte schrieb sie: "Wir bildeten nicht nur eine Familie, sondern eine enggeschlossene Geistesgemeinschaft, die auch in das dritte Folgegeschlecht nachwirken sollte.

Isolde ging es sehr nach, daß der einzige deutsche Neffe Otto Orlando, ein erfolgreicher Architekt, mit dem sie sich gut verstanden hatte, 51jährig im Mai 1933 verstorben ist. Er hatte sich beim Rasieren verletzt und bekam eine Blutvergiftung, während Isolde in Griechenland weilte. Isolde hatte zu den anderen Nichten und Neffen wohl doch nicht das gute Verhältnis wie zu "Thole", obgleich sie mit ihrer Nichte Dr. Isolde (gen. Jole) Falladore einen besonders herzlichen Briefwechsel führte. Isoldes ganze Hoffnung muß sie wohl doch nur auf diesem einen Sohn ihres Bruders Erwin gerichtet haben. Wie sollen wir sonst den Schluß des folgenden Gedichtes verstehen?

Das Lämpchen

   Ein Lämpchen wandert    In unserem Stamme   Von Hand zu Hand.
   Der Vater reicht es     An langer Leiter    Dem Sohn herunter,
   Wie brannte es munter   Als ichs empfing.   Und möchte weiter
   Im ewigen Wandern       Zu all den andern,  Die unten stehn.
   Es strahlt und funkelt  Noch unverdunkelt,  Und dennoch weiß ich:
   In meinen Händen        Mußt du verenden,   Du schönes Licht."  (A 39)

Isoldes politische Einstellung

In der Jugend war Isolde überhaupt nicht politisch gesinnt, obgleich sie mit Politik schon im Mutterleib zusammenkam. Ihre Mutter, Marie geb. von Brunnow war eine starke Kämpfernatur, die bis ins hohe Alter als Edelkommunistin und Bismarckgegnerin für die Freiheit kämpfte. Sie stand hochschwanger mit Isolde wegen dem inhaftierten Gottfried Kinkel, einem Freiheitskämpfer der 48er Revolution, vor Gericht wegen ihrem Gedicht "Kinkel frei", das die sächsische Zeitung von Dresden veröffentlichte.

Isolde schrieb in ihren Aphorismen zwar einige politische eigene Meinungen. Interessant ist hier auch ihre Meinung über die "empörende Ungerechtigkeit der Todesstafe... Wenn man auch noch den Sonnenaufgang zum Zeugen nimmt, ist das noch eine Erinnerung an die alten, gräßlichen Opferbräuche?..." (A 40)

Da sich Isolde nie um Politik gekümmert hatte, wollte sie, nun 60jährig, zu Beginn des Krieges 1914, sich auch nur ins Privatleben zurückziehen: Sie schreibt: "Ich häkelte mit Inbrunst feldgraue Hauben und Pulswärmer..." Isolde half auch einem Soldaten an der Front bei seinen lyrischen Versuchen.

Doch nun wurde sie von außen angeregt, das Volk erwarte von der größten deutschen Dichterin zum Ausbruch des Krieges eine Reaktion. So machte sie, nach dieser Anfrage, ihre ersten politischen Verse, die veröffentlicht wurden. Dieses politische Büchlein hat den Namen nach seinem ersten Gedicht:

"Schwert aus der Scheide"

In der Halle des Hauses da hängt ein Schwert,
Schwert in der Scheide.
In seinem Blitzen vergeht die Erd'.
Wir hüten's und beten Tag und Nacht,
Daß es nicht klirrend selbst erwacht.
Denn uns ist geschrieben ein heilges Gebot:
Ihr sollt es nur brauchen in letzter Not,
Schwert in der Scheide.

Wir sind geduldig wie Starke sind,
Schwert in der Scheide.
Wir achten's nicht, was der Neid uns spinnt.
Sie haben uns manchen Tort getan,
Wir litten's und hielten den Atem an.
Die Sonne glüht auf der Ernte Gold.
Friede, wie bist du so hold, so hold,
Schwert in der Scheide!

Doch der Neid mißgönnt uns den Platz am Licht,
Schwert in der Scheide!
Feinde umzieh'n uns wie Wolken dicht.
Zehn gegen Einen in Waffenschein!
Wer bleibt uns treu? - Unser Gott allein.
Die Erde zuckt und der Himmel flammt.
Schwert, nun tu dein heiliges Amt!
Schwert aus der Scheide! (A 41)

Daß die ersten Strophen jeweils enden mit dem Aufruf: "Schwert in der Scheide" wurde ignoriert und der Titel des kleinen Büchleins: "Schwert aus der Scheide" wurde ein triumphaler politischer "Erfolg". Jeder Soldat sollte das kleine blaue Gedichtbändchen mit den 26 Kriegsgedichten auf 95 Seiten in der Tasche tragen! - Isoldes Verse, wie in "Junge Liebe", wo es heißt: Für Deutschland griff er zur Wehr. Daß Gott ihn schütze! Mir lasten die Stunden so schwer. Was bin ich nütze?..." können wir vielleicht heute noch verstehen, jedoch das Gedicht: "Heldentrauer, zum 31. August 1914 nicht. "Da feuchtet jedes Aug der Tau, nur Bayern Löwe spricht: Wir klagen nicht, wir schlagen und gehn den Weg der Pflicht" usw....

Isolde hatte ein ambivalentes Verhältnis zur Politik und war immer weit weg von den Kampfeinsätzen. Die eigentlich so schönen Verse hier in der "Eiche von Cheruska" von 1914 (A 42) hatte Isolde ganz aus der Begeisterung ihrer damaligen Reise in den Teutoburger Wald geschrieben, wo sie auf den Spuren der alten Germanensagen wanderte. Für Freunde der germanischen Sagen und als Dichtung wären dies, ohne den Kriegsaufruf, wundervolle Verse geworden. Da aber nun der Krieg begonnen hatte meinte Isolde auch diese Verse eignen sich zur Aufmunterung der Soldaten und dichtete hier dazu: "Im Takt der deutschen Marschkolonnen wird Arminius dir vorüberschreiten, mit der alten Götter Geist gerüstet, mit dem Siegesschwert..." usw.

In ihrer Rückschau schreibt Isolde über diese Zeit, daß sie ihre Arbeit für Kriegsbedarf umgestellt hätte. Es war nicht nur das kleine Buch: "Schwert aus der Scheide", sondern es entstanden u.a. auch Beiträge für lyrische Sammlungen, für österreichische Albums und für die Heereszeitung. Aber schon 1915 bereute Isolde was sie hier geschrieben hatte:

"Als ich die ersten Kriegsverstümmelten sah, dachte ich an das Lied, und ich meinte in die vorwurfsvollen Augen meiner Mutter zu blicken, die jeden Krieg, auch den gerechtesten verwarf. Es war ja darum kein Tropfen Blutes mehr geflossen, auch war der Krieg schon Tatsache, als das Lied entstand. Aber es war nun doch eine Stimme weiter in der Welt, die das Schwert verkündete, und ich hatte ja stets dem geformten Wort etwas wie magische Kräfte zugetraut." (A 43)

So wandte sich Isolde nun gezielt nur noch anderen Themen zu. Es erschien 1918 ihr Buch "Aus meinem Jugendland", in dem sie uns die besten zeitgeschichtlichen Dokumente vom Tübingen des neunzehnten Jahrhunderts gibt. Ihr treuer Lebensgefährte Kyrios (Ernst von Mohl), mit seinem guten Gedächtnis, half dazu nicht wenig, vor allem, da die Chronologie Isoldes schwache Seite war. Diese Jungenderinnerungen waren urspünglich nur als Einzelfeuilletons für die Wiener Neue Presse bestimmt.

Einstellung gegenüber Juden und Behinderten

Im Nachlaß befinden sich auch Aufzeichnungen von Isolde Kurz, die sich mit dem Antisemitismus in Deutschland beschäftigen: Kormann schreibt:

"Die Dichterin stand mit dieser Meinung gerade im Gegensatz zur Hauptströmung der Zeit, die eine Ausschaltung aller fremden Einflüsse zur Erneuerung der deutschen Kultur betrieb. Kurz glaubte an die Kraft der Kultur und daß eben auch der Deutsche von ausländischer Kultur lernen kann. Dies war sehr bewundernswert mutig von Isolde Kurz in der damaligen Zeit, wenn auch wenig hilfreich. Sie wollte das Volk dazu hinweisen immer die Fehler zunächst bei sich selbst zu suchen, damit nicht nur der schnelle wendige Jude im Wirtschaftsleben vorne steht. Sie meinte wir können vom Juden lernen."

Isolde schreibt: "Wir müssen suchen, die Juden zu uns herüberzuziehen und zugleich von ihnen lernen. Wir müssen weniger den Dünkel und mehr die Würde unserer Rasse hervorkehren, damit der uns bisher fremdgebliebene Volksgenosse wünschen muß an dieser Würde teilzuhaben... Wir müssen selbst die Form besser pflegen, damit uns vom Ausland her diese Würde bestätigt und mehr Achtung erwiesen wird, damit es eine Ehre auch draußen ist, ein Deutscher zu heißen. Wir müssen uns im Völkerverkehr weniger selbst anpassen und mehr suchen das Fremde uns anzugleichen... Dann sollen wir lernen uns schneller und umsichtiger zu bewegen..." (A 44)

Wie Wilhelm Raabe (A 45) in seinen Romanen "Die Leute aus dem Walde" und vor allem in seinem "Hungerpastor" und auch Hermann Hesse in Briefen (A46), so beschreibt auch Isolde Kurz die typischen Eigenschaften und das Aussehen des Juden. Isolde hatte wie etliche Zeitgenossen ein ambivalentes Verhältnis zum Judentum. Vieles vom Nationalsozialismus bejaht Isolde zuerst, aber mitunter greift sie ihn auch an. - Schon früh hat sich Isolde Kurz über die Judenverfolgungen aufgeregt. Feindselige Aussagen gegen Juden verurteilte sie, da die jüdischen Mitbürger etwas leisteten für die Gesellschaft.

Ehrlicherweise muß man freilich feststellen, daß Isolde in jungen Jahren im Blick auf die Behinderten anders dachte, sie nur für "Esser" hielt, welche dem Staat Kosten verursachten. Schon vor 1905 schrieb Isolde: "Unsere moderne Gesetzgebung baut Kranken- und Irrenhäuser; sie nimmt Anstalten für Tuberkulöse, für jugendliche Verbrecher, für Krüppel und Trunkenbolde unter ihren Schutz. Lauter nutzlose therapeutische Versuche, wo Macht und Mut zur Prophylaxe fehlen... Im Altertum pflegte man die schwächlich Geborenen auszusetzen. Unsere moderne philanthropische Gesellschaft behütet gerade diese wie einen kostbaren Schatz und baut sogar Brutkästen für Sieben-monatskinder. Aber den unehelich gezeugten, den einzigen, von denen man mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen kann, daß sie gesunde Resultate einer natürlichen Wahl, also die wahrhaft "Wohlgeborenen" sind, gönnt sie keinen Platz, sie zeichnet sie mit einem Schandmal, übergibt sie wohl gar den "Engelmacherinnen". Sie zieht das Schwächliche und Unfähige mit Opfern auf und räumt das Starke, Gesunde aus dem Wege..." (A 47)

Eine Gänsehaut bekommt man, wenn man diese grauenvollen, lieblosen Verurteilungen liest! Diese Aussagen von Isolde stehen auch im Widerspruch zu ihren anderen Theorien. Dieses Nebeneinander so widersprüchlicher Vorstellungen spiegelt das zeitgenössische Denken wieder.

Isolde schreibt in ihrer Rückschau selbst: "Mit solchen Ansichten wurde so schon um die Jahrhundertwende der Grundstein für die Vernichtungslager des Dritten Reiches gelegt!" Isolde wußte nur von einem einzigen Kritiker damals und der war ihr sonst so wohl gesonnener literarischer Gönner von der Ulmer Post. "Er allein fand die ausgesprochenen Leitgedanken abstoßend."

"Isolde wäre gewiß niemals in die Sinn gekommen ihre Theorie vom Unwert der Kranken und Schwächlichen auf ihren eigenen liebevoll gepflegten Bruder Garibaldi anzuwenden," meint zu Recht Onodi. (A 48)

Isoldes beste Freunde in Florenz waren der berühmte Historiker Robert Davidsohn und seine Frau Fili. Sie waren Juden. Und auch bei der Jüdin Ludmilla Assing, der Freundin Lassales und bei dem Essayisten Karl Hillebrand, Heines Sekretär, der nach der badischen 48er Revolution und nach dem 1870er Krieg fliehen mußte und in Florenz eine Institution geworden war und mit halb Europa, darunter auch mit Nietzsche in Verbindung stand, ging Isolde Kurz aus und ein. Er war ihr Helfer und "literarisches Faktotum", wie Isolde Hillebrand in einem Brief an Paul Heyse schildert. (A.49)

Und doch schreibt Isolde nach 1933 in ihrer Lebensrückschau: "Ein Wunsch des Verlags, dessen Begründung ich anerkenne, veranlaßt mich, dieses wie alle nachfolgenden Kapitel um die Bildnisse der überlebenden Freunde, deren ich an dieser Stelle zu gedenken hätte, zu kürzen oder sie auf die knappste Fassung zu bringen, ohne ihre Namen zu nennen. Mit dieser aus äußeren Rücksichten entsprungenen Maßnahmen kann auch das Stilgefühl einverstanden sein. Die Abgeschiedenen sind jetzt aus leichterem Stoffe und durch und durch vollendet; sie wesen in einem anderen Luftraum als die fragmentarischen, in ihrer irdischen Schwere und Bedürftigkeit gebliebenen Lebendigen, die bei dem Vergleich notwendig verlieren, in einem Luftraum, wohin nur der Beschwörende selber miteingeladen ist..." (A 50)

Und doch war Isolde Kurz im heutigen Sinne kein "politischer Mensch". meint auch Marion Onodi. "Isolde verfolgte das Zeitgeschehen zwar als passive Beobachterin und nahm eigentlich nur Partei, wenn es sich um persönliche Bekanntschaften handelte." (A 51)

So schreibt sie in einem Sonderheft 1915 einen offenen "Brief an einen Franzosen", (A 52) an Edouard Vaillant, den französischen Minister, der während Isoldes Kindheit in Tübingen studierte und in ihrem Elternhaus aus- und einging. Die Mutter Marie schätzte ihn hoch. 1919 erschien ein Bericht über den Prozeß Ernst Toller. (A 53) "Immer waren Isolde Kurz politische Konflikte der äußere Ausdruck von Mißverständnissen, die in den unterschiedlichsten Charakteren einzelner Persönlichkeiten oder ganzer Nationen begründet sind... Isoldes Hauptinteresse gilt dem Menschen Vaillant und dem Dichter und Menschen Toller, nicht den Taten und deren Folgen... Durch diesen ausschließlich auf das Psychologische gerichteten Blick wirken auch diese Beschwörungen politisch naiv...," meint Onodi. So schrieb Isolde, die ja fast zwei Drittel ihres Lebens in Italien verbrachte, auch noch ein Heft für die Neue Freie Presse Wien, 1915: "Deutschland und Italien", wo Isolde die Italiener einfach in Schutz nehmen will und den Deutschen deren anderen Charakter erklärt, damit Mißverständnisse aufgehoben werden könnten. (A 54)

Onodi erklärte uns ja warum Isolde Kurz in den Lexika wohl oft so einseitig geschildert wird. Die vielbegabte, vielseitige Schriftstellerin hat sich in ihrer Rückschau einseitig geschildert, wie sie es empfand, und doch erfahren wir viele Gedanken von Isolde gerade aus ihren Büchern.



Am Schluß ihrer aufschlussreichen Dissertation hat Marion Onodi dankenswerterweise auch einige wertvolle unveröffentlichte Manuskripte gedruckt, unter anderen die Novelle "Der Menschenleugner". (A 55) Eine Religionslehrerin meinte, diese Novelle würde sie für heutige Schüler als Diskussionsgrundlage benützen. Ein Pfarrer, der vom Pietismus geprägt ist, sagte mir "Isolde hat recht mit diesen Aussagen der Ameisen. Sie war vielleicht doch nicht areligiös." - Wären die Kirchen damals schon so offen wie heute gewesen, wäre diese Schrift sicher gedruckt worden. So aber liegt sie unveröffentlicht, wie eben noch sehr viele Manuskripte leider nur im Archiv und wartet auf eine Auswertung. Einige von Isolde Kurz Büchern dürften zum 150. Geburtstag neu entdeckt werden. Es wäre schön, wenn ein Verlag sich ihrer Werke neu annehmen könnte. Wollen wir wenigstens versuchen, die Bücher, die wir zuhause haben, oder in Bibliotheken noch vorfinden wieder neu zu entdecken. Viele sind es wert, ebenso wie die zeitlosen Romane "Der Sonnenwirt" und "Schillers Heimatjahre" vom Vater Hermann Kurz (A 56), um die sich der Kirchheimer Verleger Jürgen Schweier, nun auch mit dem Dichter Peter Härtling zusammen angenommen haben, wieder ans Tageslicht hervorgeholt zu werden!

Obgleich Isolde Kurz immer wieder betonte, daß sie keine Christin wäre, möchte ich mit ihren Worten aus ihrer Lebensrückschau, die sie als fünfundachtzigjährige am Ende ihrer "Pilgerfahrt" schrieb, schließen: "Näher mein Gott, zu dir! Kaum daß ich die Worte denke, so braust von fern her der Sterbechoral der Titanic durch mein inneres Gehör und ich sehe das Riesenschiff mit den verzweifelten Menschenseelen mitten in dem ungeheuren Untergang, durch den sich doch aus Menschenwerkzeugen siegreich bis zuletzt die Töne inbrünstigen Vertrauens heben. Des Vertrauens zu dem Unbekannten, Unfaßbaren dem wir alle angehören, gleichviel wie Menschen ihn töricht streitend benennen. - Das kann nicht n i c h t sein, was so wie ein Tau die versinkende Zeitlichkeit mit dem Ewigen verknüpft. Näher zu dir! Du hast mich ausgeatmet, du wirst mich einatmen. Möchte dann mein letzter Atem rein geworden wie Atem der Kindheit in den deinigen zurückfließen."

Spruch auf Isoldes Grab "Fern überm Wasserpfade flimmert zur Nacht ein Schein Licht vom andern Gestade? Was mags sein?"


Den Grabstein hat auf Wunsch der Dichterin Theodor Georgii, Schüler und Schwiegersohn von Prof. Hildebrand, München gestaltet. Er stellt eine sinnende Frau dar, die von verschiedenen Wasser- und Wellenwesen hinübergeleitet wird. (A 57)

Weitere Gedichte

Letzte Fahrt

Nach den Stürmen und des Mittags Pein
Still und selig muß der Abend sein.
Treibt mein Nachen in die stillste Bucht,
Wo ihr Nest die müde Möwe sucht.
Träges Wasser schläft am Felsenport,
Schweigsame Zypressen stehen dort.
Keine Sonne, die den Scheitel senkt,
Letzte Einsamkeit, die mich empfängt.
Nur von meinem Kahn die Phosporspur
Sag's den Wassern, wo ich fuhr. (A 58)

Wegwarte

Mit nackten Füßchen am Wegesrand,
Die Augen still ins Weite gewandt,
Saht ihr bei Ginster und Heide
Das Mädchen im blauen Kleide?

Das Glück kommt nicht in mein armes Haus,
Drum stell ich mich hier an den Weg heraus;
Und kommt es zu Pferde, zu Fuße,
Ich tret ihm entgegen mit Gruße.

Es ziehen der Wanderer mancherlei
Zu Pferd, zu Fuß, zu Wagen vorbei.
- Habt ihr das Glück nicht gesehen?
Die lassen sie lachend stehen.

Der Weg wird stille, der Weg wird leer.-
So kommt denn heute das Glück nicht mehr?
Die Sonne geht rötlich nieder,
Ihr starren im Wind die Glieder.

Der Regen klatscht ihr ins Angesicht,
Sie steht noch immer, sie merkt es nicht;
- Vielleicht es ist schon gekommen,
Hat die andere Straße genommen.

Die Füßchen wurzeln am Boden ein,
Zu Blumen wurde der Augen Schein,
Sie fühlts und fühlts wie im Traume,
Sie wartet am Wegessaume. (A 59)

Purpurne Abendröte

    Streut ihr Gold verschwenderisch umher,
    Wünsche, Sorgen und Nöte / sanken ins blaue Meer.
           Hinter mir schwand in Frieden,
        Was als Drache lauernd am Weg mir lag,
    Alle Jahre, die schieden, / scheinen mir nur ein Tag.
           Auf den Pfaden, den schattenlosen,
         Über Steine kam ich und glühenden Sand,
    Meines Lebens Rosen / trage ich frisch in der Hand.
               Weile noch sinkende Sonne,
          Die du Wunder auf Wunder vollbracht,
    Deine süßeste Wonne / gibst du vorm Tore der Nacht.
(A 60)

Bedrängnis

Sagt mir wer ich bin und wo mein Haus?
Sagt, von welcher Küste fuhr ich aus?
Wie mit eins in meinem schwachen Kahn
Fand ich mich auf diesem Ozean?

Tausend Segler kreuzen meinen Kiel,
Jeden kümmert nur das eine Ziel.
Wild auf Beute steuert der Korsar,
Um mich droht und unter mir Gefahr.

Schimmern stolz die Segel auf der Flut,
Denk ich wohl: die Fläche trägt mich gut.
Doch im Dunkel, das den Blick verhängt,
Was beginnen, wenn mich Furcht bedrängt?

Große See, die du zum Spiel mich hast,
Kleiner Nachen, der nur eines faßt.
Weiter Bogen, der sich drüber spannt,
Ewige Lichter, wo, wo find ich Land? (A 61)

Quellennachweise
Bibliographie



Werke von Kurz, Isolde :

"Aus meinem Jugendland Rainer Wunderlich Verlag Tübingen 1918 "Die Pilgerfahrt nach dem Unerreichlichen," Hermann Leins Tübingen 1938 "Das Leben des Vaters" Georg Müller Verlag München 1906 "Im Zeichen des Steinbocks Aphorismen", Georg Müller Verlag 1909 "Gedichte" Göschen'sche Verlagshandlung Stuttgart 1891 "Neue Gedichte" Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart 1905 In Leinen gebunden mit Goldrand "Die Kinder der Lilith" Ein Gedicht, Cotta'sche Buchhandlung 1908 "Schwert aus der Scheide" Gedichte, Salzer Verlag Heilbron 1916 "Florentiner Novellen" Gesammelte Werke 2. Band Seite 9 - 264 "Italienische Erzählungen"Gesammelte Werke 2. Band Seite 267 - 480 (Ersterscheinung 1895) Georg Müller Verlag München 1925 Das einzige im Handel befindliche Werk, Phaidon - Verlag Kettwig 1985 (früher Salzer - Verlag) "Florentinische Erinnerungen" Georg Müller Verlag München 1910 "Die Stadt des Lebens" J. G. Cotta'sche Buchhandlung Stuttgart 1920 "Nächte von Fondi" Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 1922 "Der Caliban", Roman Georg Müller Verlag München 1925 "Vanadis" Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins) 1931 "Wandertage in Hellas Rainer Wunderlich Verlag Tübingen 1944 "Brief an einen Franzosen" Sonderabdruck aus den Süddeutschen Monatsheften 1915 "Deutsche und Italiener" Deutsche Verlags - Anstalt Stuttgart und Berlin 1919

Werke von Kurz, Hermann :

"Tristan und Isolde von Gottfried von Straßburg" Übertragung und Vervollständigung von Hermann Kurz 1844 "Schillers Heimatjahre" Hg. Paul Heyse Kröner Verlag Stgt. 1874 "Der Sonnenwirt" neue Ausgabe von Jürgen Schweier, Kirchheim mit Vorwort von Peter Härtling 2002 Weiterführende Literatur

Onodi, Marion : "Isolde Kurz, Leben und Prosawerk als Ausdruck zeitgenössischer und menschlich-individueller Situation von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts" Dissertation, Verlag Peter Lang, Würzburg1989

Roeck, Bernd"Florenz 1900, Die Suche nach Arkadien" C.H. Beck Verlag München 2001

Biastoch, Martin Dissertation über "Tübinger Studenten im Kaiserreich" Auszug aus den Roigelblättern 51. Heft Thorbecke-Verlag1996

Braun, Artaria "Von berühmten Zeitgenossen", Kapitel: "Das alte Tübingen"

Hesse, Otto Ernst : "I.Kurz, Dank an eine Frau" Leins Tübingen 1931

Klein, Johannes "Geschichte der deutschen Novelle 1954

Kormann, Dieter ,Bearbeitung des Nachlaß - Manuskripts "Juden" vom DLA Marbach (aus Onodi Seite 116 ff) München 1987

Küster, Gertrud "Zum 100. Geburtstag" Heft 20 Seiten 1953

Mecke, Andrea "Vom Kampf "Philistäas" gegen ein Mädchen" Bericht "Tübinger Blätter 2002/2003 2003


Anmerkungen

A 1   Gedichtauszug "Im Zeichen des Steinbocks, Aphorismen," 1905, 8 Seiten  916 und in "Neue Gedichte"
      Seite 105 - 110
A 2   Gottfried von Straßburg, Epos "Tristan und Isolde", Epos zwischen 1200 u.1210 in Anlehnung auf eine alte
      keltische Fassung von Thomas von Britannie von  ca 1170. Eine neuere Übertragung dieses Epos erschien bei
      Cotta 1904 Diese ist im Handel erhältlich im Phaidon Verlag Kettwig   1990
A 3   aus Onodi, Marion Dissertation über I Kurz  Seite 10 ff
A 4   O. E. Hesse: Isolde Kurz, "Dank an eine Frau" Seite 17-20, Wunderlichverlag. Otto Ernst Hesse
      20.1.1891 - 16.5.1946 studierte Literatur, Rhetorik, Geschichte und Philosophie in Freiburg, München und Leipzig,
      wurde 1915 Dozent in Königsberg, ab 1917 Feuilletonredakteur und später Chef der königlichen Allgemeinen Zeitung,
      wurde 1932 Theaterkritiker der "BZ am Mittag" Berlin, ab 1942 freier Schriftsteller, Dramatiker, Komödienautor,
      Erzähler, Lyriker und Theaterkritiker. Er starb am 16.5.1946 in Berlin.
A 5   "Aus meinem Jugendland" Kapitel "Lebensmorgen"  Seite  40 - 42
      In einem Artikel "Schwäbische Not" im "Schwabenspiegel" vom 18.2.1908 schreibt Isolde u. a.: "...
      Aller Ruhm Altwürttembergs geht von seinen Dissidenten aus. Diese sind sämtlich Geschwister von Schiller,
      zwar ungleich an Talent und Temperament, aber gleich an wetterfestem, not- und todverachtenden Idealismus.
      Ein Familienzug, der sie von weitem kenntlich macht ist ihre trotzige Gebärde; sie wollen stets mit dem Kopf
      durch die Wand. Sie sind keine Olympier, sie sind Titanenkinder. Eine Ausnahme bildet Mörike, der die umgebende
      Welt sich anpaßt, indem er sie mit seiner spielenden Phantasie, fast ohne es zu merken, vollkommen umgestaltet.
      Dieser lebte dann auch unangefochten..." Isolde meinte mit diesem Artikel wohl v.a.ihren Vater, denn vorher
      steht im "Schwabenspiegel" die Geschichte von Hermann Kurz: "Den Galgen, sagt das Eichele". (Ein Dissident
      ist einer, der zu keiner staatlich anerkannten Kirchengemeinschaft gehört.) A 8   "Aus meinem Jugendland"
      Kap.  "Lebensmorgen"  Seite  36
A 6   "Aus meinem Jugendland"  Kap. "Der Fluchtversuch" Seite 110 - 112
A 7   Über die Übersetzung von Ippolito Nievos "Le confessioni di unottuagenuario" für das sie 1 000 österr.
      Gulden erhielt berichtet Isolde in der "Pilgerfahrt"  Seite 137
A 8   "Aus meinem Jugendland" Kapitel "Die Heidenkinder " Seite 97/98
A 9        "                   "            "                  79/80
A 10  Gedicht von Ernst Kurz aus dem Nachlass Mohr de Sylva im STAR
A 11  Briefe von Marie Kurz an Marie Caspart  DLA  53.1581
A 12: Aus der Gazette zu Roi XXVII. 1875 - 1876, von Eberh. Reiniger    51
          Der Candidat war Julius Hartmann. Er wurde Professor und Vorstand der Stuttgarter Mädchenmittelschule.
A 13  "Aus meinem Jugendland" Seite 345 ff und "Pilgerfahrt" S.137
A 14  Braun-Artaria, Rosalie "Von berühmten Zeitgenossen" und "Pilgerfahrt" Seite152
      Rosalie Braun-Artaria, 1840 - 1918, Schriftleiterin der "Gartenlaube". Sie war die Tochter des Mannheimer
      Kunsthändlers Stephan Artaria. Rosalie war die Frau des Professors Julius Braun, Kunsthistoriker, 1861 - 1862
      in Tübingen.
A 15  Aus dem Nachlass Dr. Dora Steuer Esslingen In der "Pilgerfahrt" schreibt Isolde Seite 145 noch: "Ich hatte
      aus meiner Armut heraus der Stadt das schönste Monument ihres Friedhofs gestiftet... und die Aufgabe noch
      als Rosselenkerin gelöst. Und nun dieser Dank,  die Achterneuerung Philistäas . Ich warf im Geist der
      Jugendstadt den Handschuh hin. In das Rauschen des Neckars - er rauschte damals noch - sang ich zornige
      Trutzlieder, die sich nur beim Abschied gelinde lösten..." Von diesem Gedicht, "Abschied von Tübingen",
      erwähnt Isolde im Buch nichts.
A 16  Onodi S. 88 - 95 und Klein, "Geschichte der dt. Novelle" Seite 423
A 17  "Im Zeichen des Steinbocks", Aphorismen Seite 52
A 18  Über den hemmenden Einfluß wegen ihrem Geschlecht berichtet Isolde in der "Pilgerfahrt" Seite 20 - 30.
      Hier schreibt sie auch vom "Gretchenkult" und zitiert Heines Gedicht.
A 19  Transkription eines Vortrags von I.K. "Über das Schicksal der Frau" o.J." in Onodis Buch  Seite 276 - 280
A 20  aus "Die Gartenlaube" "Die Frauen in der ital. Renaissance" Seite 676 - 679 in Onodis Buch Seite 92
A 21  Es handelt sich um Paul Heyses zweite Frau Anna geborene Schubart
A 22  Roeck, Bernd  "Florenz 1900"  Seite 86/87
A 23  aus "Florentiner Erinnerungen"  Kap. "Agli Allori"  S. 87 - 151
A 24  Für ihre Forschungen schenkte ihr die wenig bemittelte Mutter das damals teure zweibändige Werk "Kultur der
      Renaissance" von Jacob Burckhardt   "Pilgerfahrt" Seite 137


A 25 "Pilgerfahrt" Seite 224/225 "Flor. Novellen" Ges. Werke S. 81 - 140 und 247 - 264 aus "Lebens rückschau" S. 215 - 229 und 270 ff. Sie schreibt hier auch was historisch belegt und welche Personen von ihr erfunden wurden. A 26 Zu dem Bändchen "Lebensfluthen" schreibt Isolde in einem Brief im April 1918 an Marie Caspart: "... Es enthält einige meiner besten Sachen: Zenobia, Den Strom hinunter, Das bist du, usw... Meinen Gedichtband Lilith haben nur die feineren Geister verstanden..." (DLA Nr. 53. 1457) A 27 Dieses Verzeichnis ist absolut unvollständig. Es ist weit mehr, was Isolde Kurz geschrieben hat. Auch die Angabe der Jahreszahlen beziehen sich nicht unbedingt auf die Erstausgabe! Viele Manuskripte hat Isolde auch mehrfach verwendet, vor allem in Zeitschriften. A 28 "Pilgerfahrt" Seite 114 A 29 "Der Meister von San Francesco" und in "Pilgerfahrt" S. 159 f und Seite 208, wo sie auch noch andere wichtige Begegnungen schildert. A 30 Brief von Gertrud Küster vom 1. 2. 1932 in "Zum 100. Geburtstag" A 31 Gedicht Pilgerfahrt Seite 406 A 32 "Pilgerfahrt" Seite 407 f A 33 Die Mutter Marie schreibt dies in ihren Briefen an die Freundin. Isolde berichtet ebenfalls nach dem Tod der Mutter in Briefen an Marie Caspart immer wieder von ihren Gärten. So auch nach der Griechenlandfahrt mit Ernst Mohl im Juni 1912:"... Im Garten hab ich wundersame südliche Pflanzen: Feigen, Kaktus von der Akropolis mitgebracht angepflanzt die treiben..." (DLA 53. 1457) A 34 aus Gedicht "Wanderung" (wo es steht, fand ich leider nicht) A 35 "Die Bleibenden" aus "Neue Gedichte" von 1905 Seite 17/18 A 36 Briefwechsel im DLA und Leichenpredigt für Isolde Kurz von Pfarrer Heinrich Mohr de Sylva im Krematorium in Reutlingen. A 37 Diese Überschrift "Die greise Dichterin" hätte Isolde sicher nicht erlaubt. Sie hat sich ja öfter empört, daß die Zeitungen ihr Alter immer wieder erwähnen mußten.. A 38 In Küster "Zim 100. Geburtstag" S. 13 A 39 Gedicht "Das Lämpchen" Neue Gedichte Seite 22 A 40 Aphorismen Seite 35/36 In einem Brief an Marie Caspart schreibt Isolde am 23. 11. 1937 "... Wenn ich auch Mütterleins und der Brüder revolutionären Überschwang nicht dämpfen konnte... einen Gegendruck konnte ich ausüben, indem ich bei politischer Gleichgültigkeit andere Interessen in den Vordergrund schob..." (DLA Nr 53. 1457) A 41 "Schwert aus der Scheide", Gedichte von I. Kurz, Salzer Verlag 1916 A 42 Gedicht "Eiche von Cheruska" erschien nicht nur in "Schwert aus der Scheide" sondern auch 1914 bei Ernst Keil's Nachfolger GmbH (August Scherl) Leipzig in einem mir nicht bekannten Journal auf Seite 1017 A 43 Zitat aus "Pilgerfahrt" Seite 563 A 44 Nachlaß-Manuskript "Juden" bearbeitet von Dieter Kormann, München-Pullach 1987; Onodi berichtet darüber in ihrem Buch. Herr Dieter Kormann damals in München-Pullach hat die Rechte am Nachlaß von Isolde Kurz Werken. (Onodi Seite 4) Siehe dazu auch "Briefe von und an Lisa Betz" Nachlass Isolde Kurz DLA Nr. 53.17 A 45 In Wilhelm Raabes Roman "Die Leute aus dem Walde" steht von einem "schwarzhaarigen, krummnasigen Geschäftsmann," der "die scharfen semitischen Augen" auf das Vermögen eines heruntergekommen Adligen richtete. Im "Hungerpastor", 1864, Kapitel 3 steht zu diesem Thema die Geschichte, wie sich ein weinender Judenknabe von seinen Klassenkameraden in die Hand spuken lassen mußte. Hier wird uns ein sehr deutliches Bild von den Judendiskriminierungen gezeigt. A 46 Hermann Hesse schreibt sehr viel in seinen Briefen zur Judenfrage. Er hat vielen Juden geholfen und sogar Desserteure bei sich versteckt. Allerdings zu Beginn der Nazizeit hört man sogar bei ihm ambivalente Äußerungen über Juden, so in einem Brief vom Februar 1934, wo Hesse schreibt: ".... Der deutsche Jude, über den sie mir schreiben, das heißt der traditions- und religionslose, angepaßte Geschäfts- und Kulturjude, der von Bibel und Talmud so wenig wissen wollte wie von seinen ärmeren und gefährdeteren Brüdern im Osten, dieser "deutsche Jude" tut mir leid, weil er in schwerer Lage ist, aber er interessiert mich kaum, er hat mein Mitleid, aber ich halte ihn für eine Übergangserscheinung von kurzer Dauer, es gibt ihn seit Ende des 18. Jahrhunderts und jetzt wird er vermutlich untergehen, denn die überlebenden deutschen Juden müssen in irgend einer Form wieder ins Judentum zurück; entweder in das deutsche Ghetto oder ins politische Judentum und nach Palästina oder aber in das echte, ewige, geistige Judentum der Bibel und des Talmud. Dieser Weg steht jedem Juden auch in Not und Verfolgung offen, diesen Weg wollte ihm mein Hinweis auf Buber etc. zeigen, nichts weiter..." Dies schrieb Hesse schon 1934! Später hat er anders geurteilt. Auch Thomas Mann schrieb im "Zauberberg" im Kapitel "Die große Gereiztheit" über einen Judengegner voll Ironie und Spott. "... Jedoch war er kein Jude. Und das war das Positive an ihm..." Die Mutter von Isolde, Marie Kurz , setzte sich für verfolgte Juden im Osten ein. (siehe Spendenaufruf mit Leopold Hirsch zusammen in der Tübinger Chronik am 28. 7. 1869 (im Buch: "Tübinger Juden" Seite 30) A 47 Isoldes Aussagen über Irrenhäuser und Brutkästen steht in ihren "Aphorismen" Seite 105 - 108, die schon vor 1905 erschienen sind. Ihr Vermerk dazu steht in ihrer "Pilgerfahrt" Seite 439 ff. A 48 Onodi Seite 35 A 49 Über Isoldes jüdische Freunde berichtet auch Roeck in "Florenz 1900" Seite 88. A50 Der Brief von Hermann Leins, Rainer Wunderlich Verlag Tübingen liegt im DLA Marbach. Isolde notiert aus ihm auch in ihrer "Pilgerfahrt" Seite 344 A 51 Isolde war kein "politischer Mensch" Onodi Seite 110/111 A 52 "Brief an einen Franzosen" Sonderdruck 7 Seiten 1915 A 53 "Der Prozeß Toller" von Isolde in "Neue Freie Presse Wien" 1919 am 3.8. Toller war der USPD (Unabhäng.SPD) und ab 9. 4.1919 Vorsitzender des Zentralrates der Räterepublik in München bis zu deren Zerschlagung durch die Regierungstruppen Anfang Mai 1919. Er wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt. A 54 "Deutsche und Italiener" Sonderheft 32 Seiten 1919 A 55 "Der Menschenleugner" Manuskript im DLA aus Onodi Seite 332-337 A 56 Herm. Kurz "Der Sonnenwirt" Neuausgabe von Jürgen Schweier 2002 A 57 Beschreibung von Isoldes Grabstein aus Helmut Hornbogen "Der Tübinger Stadtfriedhof" Seite 52/53 A 58 Gedicht "Letzte Fahrt" aus "Neue Gedichte" Seite 59 A 59 Gedicht "Wegwarte" aus "Gedichte" Seite 104/105 A 60 Gedicht "Purpurne Abendröte" aus "Neue Gedichte" Seite 162 A 61 Gedicht "Bedrängnis" aus "Neue Gedichte" Seite 21


Vor Benutzung dieses Vortragsmanuskripts für öffentliche Zwecke sind die im Quellenverzeichnis genannten Personen und Verleger zu befragen.





Hinweis :

Von Hella Mohr ist im Jahr 2002 in schwäbischer Mundart im Eigenverlag erschienen:

"Die rot' Marie ond ihr Fina"
Historische G'schichtle aus em Schwobeländle"



Es handelt vom Leben der Mutter von Isolde Kurz und deren treuen Hilfe über drei Generationen Josephine Peterler. Das Buch, dritte Auflage, ist in Tübingen und Reutlingen im "Fairen Kaufladen" in der Marktgasse und in den Buchhandlungen Gastl und Osiander, sowie bei Hella Mohr direkt erhältlich. (Euro 19.80)

Vortragsmanuskript von Hella Mohr
Hartmeyer - Strasse 19
72076 Tübingen
Tel. und Fax: 07071-61652

Erstellt im April 2003 von Copy Druck Center Sander
Lange Gasse 27
72070 Tübingen
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